Alle lieben Guinga, Brasiliens bescheidensten Musiker

Bis vor zehn Jahren war Guinga hauptberuflich Zahnarzt. Und er hat sich bis heute nicht ganz daran gewöhnt, dass er ausschliesslich Musiker ist. Dabei nehmen seit 40 Jahren die grössten brasilianischen Musiker Songs von ihm auf. Für viele ist er der wichtigste lebende Komponist im Land.

Guinga spielt Gitarre.

Bildlegende: Guinga auf der Bühne am Offbeat-Festival in Basel. ZVG

Wenn Guinga über seine musikalischen Fähigkeiten spricht, tut man gut daran, ihn nicht allzu ernst zu nehmen. Gitarre spielen? «Nein, jeder, der in Brasilien Gitarre spielt, spielt besser als ich!» Komponieren? «Da fühle ich mich ein bisschen besser, aber nicht viel: Ich habe ebenso viele Kompositionen weggeschmissen, wie ich veröffentlicht habe!»

Das ist schon möglich. Aber die CDs unter eigenem Namen und vor allem die unzähligen Aufnahmen von grossen Musikern, die Stücke von Guinga aufgenommen haben, sprechen eine andere Sprache. Schon Ende der 70er-Jahre geht die grosse brasilianische Diva Elis Regina mit einem Stück von Guinga ins Studio, was in der Szene damals einem Ritterschlag gleichkommt. Und seither hat kaum ein grosser Musiker in Brasilien den Komponisten Guinga ausgelassen: von Chico Buarque über Djavan bis zu Maria Rita, der Tochter von Elis Regina: Alle lieben Guingas Musik. Woher dann diese übermässige Bescheidenheit? Und warum hat Guinga überhaupt jahrzehntelang als Zahnarzt gearbeitet und so sein Geld verdient?

Flirt mit dem frühen Erfolg

Nun: Geld ist ein gutes Stichwort. Davon hatte er während der Kindheit überhaupt keines. Guinga wuchs bei der Familie der Mutter auf, nachdem sich seine Eltern getrennt hatten. In den 70er-Jahren gab es kaum einen anderen Weg aus der Armut als über die Uni. Und so entschliesst sich Guinga zu studieren. Zahnheilkunde, obwohl ihn das keine Sekunde interessiert – aber dort hat es noch freie Plätze. Und so startet Guinga eine erste Karriere als Zahnarzt und schafft es auch tatsächlich, der Armut zu entkommen.

Nur: Erste Karriere, das trifft es eigentlich nicht genau. Schon als 17-jähriger, also lange vor seinem Zahnarzt-Studium, landet er nämlich mit einem eigenen Stück am wichtigsten brasilianischen Musikfestival in der Vorrunde (das «Festival de Música Popular Brasileira da TV Record»). Musik macht er schliesslich schon, seit er denken kann. Allerdings ist er von der riesigen Maschinerie, die hinter diesem Festival steckt, noch eher eingeschüchtert. Und als es darum geht, sein Stück aufzunehmen, lehnt Guinga ab. Und verpasst so möglicherweise die grösste Chance seines Lebens.

Was lange währt …

Aber die nächsten Chancen lassen nicht lange auf sich warten. Eher lässt Guinga auf sich warten. Nachdem Elis Regina 1979 auf ihrer Platte «Elis, Essa Mulher» Guingas «Bolero de Satã» aufnimmt, denkt Guinga: Das ist es, jetzt mache ich meine eigenen Aufnahmen. Und wartet dann doch noch einmal über zehn Jahre.

Südländische Trägheit? Mitnichten. Guinga arbeitet wie ein Verrückter in dieser Zeit. Am Tag flickt er Zähne, am Abend komponiert er, Stück um Stück um Stück. Und als er sich anfangs der 90er-Jahre endlich gut genug findet und die CD «Simples e Absurdo» aufnimmt, ist der Damm gebrochen. Heute vergehen nie mehr als drei Jahre zwischen den Produktionen von Guinga, und seine Stücke tragen eine Handschrift, an die niemand sonst in Brasilien herankommt.

Keiner spielt wie Guinga

So hat Guinga in den vielen Jahren seiner Zurückgezogenheit seine Minderwertigkeitsgefühle umwandeln können in einen kräftigen Motor. Wenn man sich genial finde, laufe man rückwärts, sagt Guinga – fühle man sich klein, habe man das Bedürfnis, zu wachsen.

Und so wächst Guinga mit jeder neuen Platte über sich hinaus und hat doch seine innere Ruhe gefunden. Gitarre spielen, Musik komponieren? Jeder spielt anders Gitarre in Brasilien, und komponiert anders. Aber keiner so wie Guinga.

Sendung zu diesem Artikel