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Brasilien Das Stadion in Rio war für alle, jetzt ist es nur noch für Reiche

Die «Party der Welt» soll die WM in Brasilien werden – doch für wen? Das fragen sich selbst eingefleischte Fußballfans. Sie beklagen eine «Elitisierung» des Sports. Sinnbild dafür ist ein Besuch im berühmten Maracanã-Stadion.

Blick auf das Stadion, hinter dem Hochhäuser in die Höhe ragen.
Legende: Menschen, die an den Hügeln hinter dem Maracanã-Stadion wohnen, können sich den Eintritt nicht mehr leisten. flickr/Arthur Boppré

Ganz in Rot-Schwarz gekleidet, den Vereinsfarben von Flamengo, steht Francisco Moraes in der Südkurve des Maracanã. Seit 1960 hat der 74-Jährige kein Spiel seines Clubs verpasst, seit 1968 auch kein Match der brasilianischen Nationalmannschaft. Zico, Flamengos Rekordschütze, ist sein grösstes Idol, Fussball seine Obsession und das Maracanã «sein Zuhause».

Er war vorne mit dabei, als der Flamengos-Fanblock zur Halbzeit die Seite wechselte, um den gegnerischen Torwart einzuschüchtern. Er quetschte sich «zu viert auf einen Betonsitz», als das Stadion 1969 bei einem Match gegen Brasilien-Paraguay mit 185'000 Zuschauern aus allen Nähten platzte. Er, der direkt an Rios schicker Strandpromenade der Copacabana wohnt, trank Dosenbier, schwenkte Fahnen, blies in Tröten mit Fans aus den Favelas, Rios Armenvierteln. «Es gab keine Barrieren», sagt Moraes. Dann verfinstert sich sein Blick: «Doch damit ist es vorbei. Das Maracanã existiert nicht mehr.»

Einstiger Mythos Maracanã

Das Maracanã war mehr als ein Stadion, ein Mythos, der das Volk zusammenschweisste: Brasilien erlebte dort zwar seine grösste Tragödie – die legendäre Niederlage gegen Uruguay im Endspiel der WM 1950. Aber auch seine grössten Triumphe. Menschen aller sozialen Schichten fieberten, feierten oder verzweifelten dort gemeinsam, Tickets für Stehplätze waren für rund fünf Reais, weniger als zwei Franken, zu haben.

Heute gibt es keine Stehplätze mehr. Um es für die WM fit zu machen, wurde das mythische, aber recht verstaubte Oval nach Fifa-Vorgaben umgebaut. Wiedereröffnet wurde im letzten Jahr dann eine moderne Arena mit nur noch rund 78000 dafür aber bunten Sitzplätzen, VIP-Lounges, einem Dach aus Fiberglas und Teflon. 1,2 Milliarden Reais, umgerechnet etwa 470 Millionen Franken, hat das Ganze gekostet. Rechnet man vorherige Renovierungen dazu, sogar fast 640 Millionen Franken – zwei beziehungsweise dreimal so viel wie veranschlagt. Und anders als angekündigt, finanziert mit Steuergeldern. Privatisiert wurde das fertige Endprodukt. Das Estadio Municipal do Maracanã gehört heute der Maracanã S.A..

Neues Gesicht, verwandelte Seele

Francisco Moraes im Porträt.
Legende: Für Francisco Moraes existiert das Maracanã-Stadion nicht mehr. Anne Herrberg

Moises, Fischer aus der Favela Pavão-Pavãozinho, die hinter Copacabana die Hügel hinaufklettert, ist schon lange kein Stammgast mehr im Maracanã – mehr Publikum als dort fände man heute auf den Demonstrationen der WM-Gegner, sagt er: «Fussball ist ein kaltes Geschäft geworden, dabei geht die Leidenschaft verloren.» Mehr Sicherheit, mehr Komfort, das sei die positive Seite, sagt Alexandre Berwanger. Andererseits hätten sich die Preise mehr als verdoppelt. Berwanger stellt für die private Stiftung RSSSF Fussballstatistiken auf. 70 bis 80 Reais, etwa 30 Franken, koste der Sitzplatz für ein Derby der lokalen Staatsmeisterschaften Campeonato Carioca nun im Schnitt. Dafür müsste ein brasilianischer Arbeiter, der den Mindestlohn erhält, zwei Tage schuften.

Die Folge, so Berwanger: «Die Zuschauerzahlen sind drastisch eingebrochen.» Allein beim Klassiker unter den Derbys von Rio de Janeiro – Flamengo gegen Lokalrivalen Fluminense – um rund 70 Prozent, von etwa 60000 auf nur noch etwa 15000 Zuschauer, doch der Schnitt der gesamten Meisterschaft liegt bei einem Publikum von knapp über 2000. Rubens Lopes, Präsident des lokalen Fussballverbandes von Rio de Janeiro (Ferj), macht auch Reformen im Regelwerk der Meisterschaften und ein Missmanagement in den Clubs mitverantwortlich. Doch er merkt zudem an: «Wir befinden uns in einem Prozess der Elitisierung der Stadien.»

Das Maracanã bebt nicht mehr

Flamengo bestreitet das Halbfinale der ersten Runde 2014 des Campeonato Carioca vor nur knapp 5000 Zuschauern – darunter kaum organisierte Vereinsfans, die oft aus den Favelas kommen. Flamengo schlägt Cabofriense trotzdem 3:0 – die Anhänger jubeln, die Touristen klatschen, aber das Maracanã bebt nicht mehr. Ein Sinnbild sagt Moraes: «Sie haben das Maracanã zu einer dieser gesichtslosen Kommerz-Arenen nach europäischem Modell gemacht. Jetzt wollen sie uns auch noch unsere Fankultur rauben.» Und Favelabewohner Moises, der sich den Eintritt ins Stadion schon lange nicht mehr leisten kann, sagt: «Das passt zu unseren Nationalspielern, die sich nur noch für Millionen bewegen. Man sollte das Maracanã nach ihnen benennen, nach Neymar zum Beispiel»

330 Reais, über 130 Franken wird das billigste Ticket zum WM-Endspiel kosten. Die Fussballweltmeisterschaft werde ein Fest für wenige Auserwählte, das Volk verliere, darin sind sich Moraes und Moises einig. Die WM werden sie wahrscheinlich doch wieder zusammen feiern – am Strand von Copacabana. Der zumindest ist bisher noch gratis.

Sendungshinweis

«Mythos Maracanã - Ein Stadion schreibt Geschichte» in mySchool am 4. Juni 2014 um 9 Uhr auf SRF 1.

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