Ein Besuch beim Guaraní-Jungen, dessen Protest um die Welt ging

Ein indigener Junge nutzte die WM-Eröffnung, um auf die Diskriminierung seines Volkes aufmerksam zu machen. Die FIFA zensierte, doch Werá wurde trotzdem zum Held. Ein Besuch beim schüchternen Jungen, der zum Krieger für die Ureinwohner wurde.

Vier Stunden in Bahn und Bussen, die letzte Etappe geht es per Motorrad über Erdstrassen. Es sind nur 50 Kilometer von São Paulo nach Krukutu, und doch ist es eine Reise in eine andere Welt. Holzhütten statt Wolkenkratzer, Hühnergackern statt Verkehrschaos, dichter Urwald statt Betonwüste.

Das ist die Heimat von Werá Jeguaká Mirim, jenem 13-Jährigen, der es schaffte, die FIFA auszutricksen. «Die Dorfältesten hatten mir gesagt, dass wir die WM-Eröffnungszeremonie für unseren Protest nutzen müssen», sagt Werá auf Guaraní, sowohl Name seiner Muttersprache und seines Volkes. Er wirkt schüchtern, ein schmaler Junge mit sanften Zügen. Dabei hat er am 12. Juni grossen Mut bewiesen.

Ein inszeniertes harmonisches Miteinander

Werá Jeguaká Mirim im Porträt. Er trägt einen gelb-roten Pullover.

Bildlegende: Er wirkt schüchtern, zeigte jedoch grossen Mut: Werá Jeguaká Mirim. SRF/Anne Herrberg

Als Indigener war Werá gemeinsam mit einem dunkelhäutigen Mädchen und einem hellhäutigen Jungen eingeladen, bei der Eröffnung der Fussballweltmeisterschaft Friedenstauben fliegen zu lassen – als Zeichen des harmonischen Miteinanders im ethnischen Meltingpot Brasilien. Doch der junge Guaraní liess sich nicht ganz für diese Propaganda einspannen. Er zog ein rotes Protestbanner hervor: «Demarcação já» stand darauf, «Grenzziehung jetzt!».

Mit diesem Slogan kämpft die indigene Bevölkerung von Brasilien für mehr Land und geschützte Gebiete. Denn obwohl die Ureinwohner die Verfassung auf ihrer Seite haben, werden sie vertrieben, bedroht und schikaniert. Die Gegenseite, die Agrar- und Bergbaulobby, ist mächtig. Auch die offiziellen Fernsehbilder zensierten den Protest. Doch dank sozialer Medien geht er dennoch um die Welt.

Protest passt nicht ins offizielle Bild

«Ich hatte das Banner in meiner Hose versteckt», erklärt Werá später und gibt zu, grosse Angst vor den Sicherheitsmännern gehabt zu haben. Die nehmen ihm das Transparent am Ausgang auch ab. Doch mehrere der 60'000 Besucher im Stadion haben bereits Fotos geschossen und posteten sie schliesslich auf Facebook.

Zuhause in Krukutu bekommt Werás Vater zuerst einen riesigen Schrecken: «Was, wenn das Publikum Werá ausgepfiffen hätte, oder sonst etwas passiert wäre.» Nun aber ist er stolz auf seinen 13-jährigen Sohn: Indigene aus verschiedenen Ländern haben zur Aktion gratuliert. Dutzende ausländische Journalisten kamen nach Krukutu, um den mutigen Guaraní kennen zu lernen. «Ich bin noch Kunumi», sagt der leise, Heranwachsender heisst das auf Guaraní. «Ich weiss noch wenig von unserem Kampf, aber ich lerne.»

Vom Kunumi zum Krieger

Nach seiner Heldentat haben ihn die Dorfältesten mit in andere Guaraní-Dörfer São Paulos genommen: «Ich habe Dörfer gesehen, die so klein sind, dass jeder dicht am anderen wohnt und auch dicht an den Weissen», sagt Werá. «In einem anderen Dorf sollen Familien jetzt wegziehen, weil dort ein Park entstehen soll, das hat mich sehr traurig gemacht.»

Werá sitzt auf einem Holzstumpf, pafft an einer selbst geschnitzten Tabakpfeife, blickt hinaus auf einen Stausee, dessen Wasser verseucht ist, Fische gibt es darin kaum noch – 25 Hektar wurden in Krukutu 1987 markiert. Damals lebten in dem Dorf 25 Familien, mittlerweile sind es doppelt so viel. Werá läuft zurück in seine Hütte – er möchte etwas erklären, aber nicht mit Worten.

Er zieht eine Geige hervor, legt sie nicht ans Kinn, sondern auf dem Schoss, schliesst die Augen und beginnt zu spielen. Ein traditionelles Lied über die göttliche Kraft, die in der Natur liegt, im Wald, der seine Heimat ist. Hinter ihm an der Bretterwand hängt die Akkreditierung für die WM-Eröffnungszeremonie, auf einem kleinen Notebook ist ein Dokument geöffnet. Werá schreibt ein Buch: Über das Leben als Kunumi, als Heranwachsender des Volkes der Guaraní. «Hier nennen sie mich jetzt Werá, den Krieger», sagt er und wirkt gar nicht mehr so schüchtern.

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