Fans sagen: Das alte Maracanã ist tot

2005 drehte Anna Azevedo ihren Kurzfilm «Geral»: Ein Porträt über die gleichnamige Stehtribüne im alten Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro. Kurz darauf wurde das Stadion umgebaut – und die legendäre Tribüne war Geschichte. Damit verschwanden Identität und die symbolische Fankultur des Maracanã.

Maracana Stadion in Rio 1950 auf einer Schwarzweiss-Aufnahme.

Bildlegende: Das alte Maracanã war das Symbol einer anderen Fankultur: Nach dem Umbau von 2005 verschwand die legendäre Stehtribüne. Keystone

Das «Geral» war die Seele des Maracanã. Der Stehbereich befand sich unmittelbar am Spielfeldrand. Die Fans waren mittendrin im Geschehen, vor allem emotional. Anna Azevedo, die Dokumentarfilmerin, sagt: «Wir Brasilianer haben ein Bedürfnis, Emotionen heraus zulassen und mit dem Körper zu kommunizieren. Wir sprechen nicht nur mit dem Mund. Und das bedeutet: Der Brasilianer schaut sich kein Fussballspiel im Sitzen an und bleibt dabei ruhig. Das ist unmöglich.»

Wie Menschen im Gefängnis

Anna Azevedo muss es wissen, sie hat einen Film nur über diese Tribühne gedreht. Eine Tribüne, die Kult war und ein Symbol. 2005 verschwand das «Geral» für immer, die Tribüne fiel Renovationsarbeiten zum Opfer. Seither sind die Fans zum Sitzen gezwungen.

Doch die Brasilianer architektonisch zum Sitzen zu zwingen, hat Konsequenzen. Anna Azevedo sagt: «Es wird versucht, die Menschen unter Kontrolle zu halten. Die Menschen sollen sich nicht von der Stelle rühren. Es ist fast schon ein Versuch, die Menschen in ein Gefängnis zu stecken.»

Die Brasilianer davon abzuhalten, ihre Emotionen in ihrer Körpersprache auszudrücken, stellt auch für das Stadion ein Identitätsverlust dar. Ohne Stehtribüne und tanzende Fans ist das Maracanã ein Stadion wie alle anderen auch.

Ein «karnevalisierter» Raum

«Die Stehplätze waren für mich wie ein Amphitheater. Die Fans auf den Stehplätzen verhielten sich wie Schauspieler und nicht nur wie Fussballfans. Sehr oft trugen sie Kostüme und gaben kleine Szenen zum Besten», erklärt die Filmemacherin. Anna Azevedos 15-minütiger Film zeigt diese Figuren in einfachen, dennoch berührenden Aufnahmen: ein Fan als Papst verkleidet, andere mit Masken oder Perücken.

«Es ist eigentlich ein Raum, in dem die Leute die Möglichkeit haben, eine andere Person zu sein. Wie beim Karneval.»

Billige Stehplätze

Vor dem Umbau waren die Eintrittskarten für das «Geral» die billigsten im ganzen Stadion. Das neue Maracanã sieht Anna Azevedo sehr kritisch: «Im ‹Geral› waren fast ausschliesslich Arme und Schwarze. Sie machten das Maracanã zu einem grossen Fest. Heute gibt es diese Fans nicht mehr. Im Maracanã ist heute die Mittelschicht, die versucht, sich soweit wie möglich an die neuen Regeln der FIFA und an einen globalisierten Standard anzupassen.» Mit dem Umbau des Maracanã sind die Karten zu teuer geworden. Somit ist nicht nur das «Geral» weg, auch seine Fans.

«Viele Arme, wenig Reiche»

Anna Azevedo glaubt nicht, dass Brasilien diese WM braucht. Sie vergleicht die Probleme mit anderen armen Ländern: «Viele Arme, wenig Reiche.» Was die Zukunft verspricht, wenn die WM vorbei ist, weiss sie auch nicht so richtig. Nur eines: «Wir reden immer von der Zukunft in Brasilien. Aber wir haben so viele Probleme, die jetzt gelöst werden müssen. Die richtige Zukunft von Brasilien ist sehr weit entfernt. Mein Gott! Brasilien ist ein riesiges Land. Unsere Probleme sind so gross wie unser Land.»

Zur Person

Porträt einer Frau.

Anna Azevedo ist Filmregisseurin. Sie drehte vor allem Kurzfilme, mit «Berlin Ball» gewann sie 2006 bei der Berlinale den «Berlin Today Award». Den Film über die Tribüne «Geral» drehte sie 2005, veröffentlicht wurde er 2010.

Meinungen zum Maracanã

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