Brauchen wir Schweizer Mythen für ein Wir-Gefühl?

Politiker streiten heftig über die Deutungshoheit der Schlacht von Marignano. Dabei werden Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft gerne ignoriert. Warum klammern wir uns an Mythen? Weil wir uns unserer Identität vergewissern wollen? Drei Historiker nehmen Stellung.

Zwei Bildbetrachter vor dem beleuchteten Gemälde.

Bildlegende: Ferdinand Hodlers «Rückzug von Marignano» im Zürcher Landesmuseum anlässlich der Ausstellung «1515 Marignano». Reuters

In Feuilleton und Internet wird über die Schlacht von Marignano im Jahr 1515 diskutiert. Heftig. Die vorherrschende Meinung besagt, mit dieser verlorenen Schlacht habe die Neutralität der Schweiz begonnen. Auch der Gedanke der schweizerischen Unabhängigkeit sei damit verknüpft.

Marignano wurde zum Mythos, zur Erzählung, die der nationalen Selbstvergewisserung und Orientierung dient; zum Narrativ, das zur Identitätsbildung beiträgt – und das seit dem Ersten Weltkrieg, besonders seit der 650-Jahr-Feier der Marignano-Schlacht im Jahr 1965, an der auch Christoph Blocher die Fäden zog.

Wie Historiker mit Mythen umgehen

«Die Debatte um Marignano ist keine Historikerdebatte, sondern eine über den Umgang mit Geschichte und Mythos für das politische Tagesgeschäft», sagt Lucas Burkart, Professor für Geschichte des Spätmittelalters und der italienischen Renaissance an der Universität Basel, und fügt an: «Es ist unsere Aufgabe als Historiker, daran zu partizipieren.» Zwar seien die Ereignisse und ihre Interpretation nicht der Wissenschaft vorbehalten, aber es gebe gewisse Standards: «Wir können nicht so tun, als ob jede Meinung eine Fachmeinung wäre.»

Im Zusammenhang mit Marignano das Wort «Mythos» zu verwenden, beurteilen die an dieser Diskussion beteiligten Historiker kritisch. Der Mythos-Begriff sei «eine Herausforderung an die Geschichtswissenschaft», sagt Lucas Burkart. Ihn irritiere, dass der Eindruck entstehe, die Geschichtswissenschaft habe keine Möglichkeit, mit Mythen umzugehen. Sie habe das seit mindestens 150 Jahren.

Es gibt nicht nur eine historische Wahrheit

Oliver Zimmer, Professor für moderne Geschichte in Oxford, spricht lieber von «kollektiver Selbstbeschreibung». Eine solche sei immer selektiv und nicht objektiv. Aber: «Ohne diese narrative Ebene gibt es keine Gemeinschaftsbildung. Ausserdem gibt es nicht nur eine, sondern konkurrierende kollektive Selbstbeschreibungen.» Wie es eben auch nicht die historische Wahrheit im Singular gäbe. Marignano 1515 sei nicht bloss ein Mythos: «Die Leute haben langsam genug von der Mythendiskussion und möchten sich mit der Geschichte der Schlacht befassen.»

Geschichte der Schweiz ist mit jener von Europa verflochten

Béatrice Ziegler, Professorin an der Fachhochschule Nordwestschweiz und Leiterin des Zentrums Politische Bildung und Geschichtsdidaktik am Zentrum für Demokratie in Aarau, wehrt sich gegen den Gedanken, «dass die Vergangenheit der Schweiz per se eine nationale, abgeschlossene, jenseits von allen europäischen Verflechtungen zu verstehende Geschichte ist.»

Sie interessiert sich für Fragen wie: Wann werden Mythen virulent, und weshalb werden sie ein so dominantes Thema? Welches sind die benennbaren Akteure? Ziegler sagt: «Ich bin nach wie vor einer Geschichtsschreibung verpflichtet, die nicht darauf verzichtet, nach Akteuren zu fragen, und ich verstehe Geschichte nicht einfach als einen mehr oder weniger nicht analysierbaren Strom des Geschehens.»

«Es geht um ein Wir-Gefühl»

Würde die Öffentlichkeit nicht besser über Inhalte und Werte diskutieren als über den Mythos Marignano? «Der Gegensatz Werte – Mythen ist falsch», sagt Oliver Zimmer, «weil Mythen auch Werte transportieren». Mythen hätten mit subjektiver Wirklichkeit, mit Erfahrungswirklichkeit zu tun. Mit dem Wortpaar ‹Mythos und Wahrheit› kann er wenig anfangen: «Unsere Aufgabe ist es nicht, den Leuten zu sagen: Das ist die Wahrheit.»

Lucas Burkart nimmt ebenfalls wahr, dass Teile der Öffentlichkeit erwarten, dass Historiker die Geschichte erklären. Er nennt sein Fach eine «Verunklärungswissenschaft». Bei einer Erzählung, wie der von Marignano, gehe es darum, dass wir alle irgendwie gemeint seien, «es geht um ein Wir-Gefühl – das ist ja das Geschäft des Politikers und der Politikerin».

Béatrice Ziegler sagt zur Frage, ob man nicht besser über Werte statt verklausuliert über Mythen diskutieren sollte: «Wenn der Wert, der transportiert wird, die Unabhängigkeit der Schweiz ist, dann ist es durchaus interpretierbar, wie diese Unabhängigkeit zu haben ist – oder ob überhaupt. Über solche Ungewissheiten wird jetzt verhandelt. Da lohnt es sich durchaus zu kämpfen und zu diskutieren. Weil es wahrscheinlich einfacher ist, über Geschichte zu streiten als explizit über den EU-Beitritt oder über die Bilateralen.»

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