Brexit und der Bruch mit der europäischen Kultur

Im Juni stimmt Grossbritannien über den Verbleib in der EU ab. Jetzt wird hitzig über die wirtschaftlichen Konsequenzen debattiert, über die Wiederherstellung von Souveränität und über Einwanderung. Um die Kultur dagegen ist es bisher eher still geblieben. Dabei steht viel auf dem Spiel.

Ein altehrwürdiges Gebäude mit Säulen und Kuppel, davor laufen Menschen mit Regenschirmen.

Bildlegende: Mit europäischem Einfluss: Die National Gallery wird von Gabriele Finaldi geführt – ein Mann mit italienischen Wurzeln. Reuters

In der Brexit-Debatte stellt sich die Gretchenfrage nach der britischen Identität. Ist die britische Identität das Dach für eine multikulturelle Gesellschaft, also für die einheimischen Identitäten der Engländer, Schotten, Waliser und Nordiren einerseits, aber eben auch für pakistanische, karibische, indische und neuerdings polnische Einflüsse?

Oder braucht es namentlich eine englische Identität? Die Schotten und Waliser saugen europäische Einflüsse begierig auf – nicht zuletzt, um sich dadurch von England abzugrenzen. Die englische Identität bleibt jedoch rätselhaft.

Mehr als nur europäisches Geld

Gegenwärtig absorbieren Engländer und Briten kulturelle Anreize aus dem restlichen Europa ohne sichtbare Berührungsängste – und diese Anreize sind stark, vor allem auf finanzieller Ebene. Die europäische Kulturförderung hilft vor allem der Kultur in der britischen Provinz.

Personell ist auffällig, wie viele ehrwürdige Institutionen von Europäern geleitet werden. Das British Museum und das Victoria & Albert Museum von Deutschen, die National Gallery von einem Italiener, die Tate Modern von einem Belgier. Das bringt gewiss Impulse, die sich beispielsweise auch bei Theaterinszenierungen ablesen lassen. Das kontinentale Regie-Theater verändert die eher buchstabengetreue Tradition der Briten und der Iren.

Aber es gibt auch Stimmen, die genau diese europäischen Einflüsse ablehnen. Sie werfen der EU vor, sie betreibe mit ihren Fördergeldern eine Art Gehirnwäsche, eine systematische Gleichschaltung zur Erzeugung einer paneuropäischen Kultur.

Ein Mann mit kurzem, grauem Haar und schwarzer Brille; er trägt einen Anzug mit Kravatte.

Bildlegende: Justizminister Michael Gove, von 2010 bis 2014 Bildungsminister. Reuters

Globales Englisch

Jenen, die der EU den Rücken kehren wollen, schwebt eine Alternative zum europäischen Kulturaustausch vor. Diese wäre insular und global zugleich, also selbstgenügsam, selbstgemacht, gestützt auf das englisch-britische Selbstbild, wie es ja vermehrt auch in den Schulen unterrichtet wird.

Es ist wohl kein Zufall, dass diese Rückkehr zu einem eher traditionell gefärbten Schulunterricht vom ehemaligen Erziehungsminister Michael Gove durchgesetzt wurde – ein kluger Kopf, der sich nun zu den Brexit-Befürwortern gesellte. Diese britische Kultur wird erfolgreich exportiert, man denke an Popmusik oder Belletristik.

Angst vor kultureller Verarmung

Global ist diese Alternative, weil man sich als Bestandteil der anglophonen Welt sieht, die von Vancouver über Kapstadt nach Sydney und gar Delhi reicht. Diese globale Dimension zeigt sich beispielsweise auch daran, dass Literatur in englischer Sprache so bunt und vielfältig ist – deshalb gibt es viel weniger Übersetzungen aus nicht-englischen Sprachen. Da braucht es den europäischen Kontinent nicht, dessen Strände man zwar mag, aber dessen Kultur nur den wenigsten vertraut ist.

Gewisse kritische Kulturschaffende, vor allem im Bereich Theater, machen sich nun Sorgen, dass diese Beschränkung auf die Anglo-Sphäre zu einer kulturellen Verarmung führen würde, ganz abgesehen davon, dass ein derart enger Kulturbegriff zahlreiche Einwanderergruppen im Innern ausgrenzt.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 3. März 2016, 17:06 Uhr.