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Matthias Heine: «Kaputte Wörter? Vom Umgang mit heikler Sprache»
Aus Kultur-Aktualität vom 15.09.2022.
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Buch «Kaputte Wörter?» Das wird man wohl nicht sagen dürfen!

Es gibt Wörter, die nicht mehr zu gebrauchen sind: Sie sind diskriminierend oder inhaltlich falsch – auf jeden Fall aber heikel. Der «Die Welt»-Journalist Matthias Heine geht in seinem neuen Buch solch «kaputten Wörtern» auf den Grund.

Als «Sprachpolizei» führt sich Matthias Heine nicht auf. Der Begriff ist allerdings unter den 78 Wörtern, die er in seinem Buch bespricht. «Der Sprachpolizei-Vorwurf ist die etwas indirektere Art zu sagen: ‹Das wird man wohl noch sagen dürfen.› Meist werfen sich die so Formulierenden in die Pose des verfolgten Regimegegners», habe er vor vier Jahren geschrieben.

Matthias Heine

Matthias Heine

Journalist

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Matthias Heine ist ein deutscher Autor, Historiker und Journalist. Er hat mehrere Bücher über Wortbedeutungen im Lauf der Geschichte geschrieben und arbeitet als Redakteur für die deutsche Zeitung «Welt».

2021 landete die «Sprachpolizei» beim «Unwort des Jahres» auf Rang zwei. Die Begründung: Als Sprachpolizei würden Personen diffamiert, die sich für einen angemessenen, gerechteren und nicht-diskriminierenden Sprachgebrauch einsetzen.

Heine schreibt deswegen mit Blick auf die Unwort-Jury: «Wenn die Sprachpolizei sagt, man solle sie nicht Sprachpolizei nennen, dann ist Misstrauen und fröhliche Missachtung angesagt.»

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Trägt unsere Sprache zur Diskriminierung von Minderheiten bei?
aus Forum vom 18.06.2020.
abspielen. Laufzeit 55 Minuten 34 Sekunden.

Historisch verwurzelte Wörter

Schon vor einem Jahrhundert tauchte der Begriff «Sprachpolizei» auf. 1911 titelte der «Allgemeine Deutsche Sprachverein» einen Artikel mit «Etwas von der Sprachpolizei». Im Vordergrund stand für die sogenannten Sprachpfleger damals der Kampf gegen Fremdwörter, der Einsatz für Verdeutschungen.

Nach 1930 sei der Ausdruck «Sprachpolizei» jahrzehntelang nicht im Gebrauch gewesen, schreibt Heine. Die Nazis reglementierten zwar die Sprache mit ihren «Presseanweisungen» streng, doch «niemand hätte gewagt, sie Sprachpolizei zu nennen». Seit den 1980er-Jahren patrouilliert das Wort nun wieder durch die Medien.

Oft bleibt die Diskriminierung unbemerkt

Matthias Heine, der letztes Jahr ein Buch über «500 Jahre deutsche Jugendsprache» veröffentlichte, geht auch bei diesen «kaputten Wörtern» der Herkunft und der Verwendung auf den Grund. Jedes Schlagwort behandelt er in vier, meist kurzen, Absätzen: Ursprung, Gebrauch, Kritik, Einschätzung.

Das ist informativ und im Urteil immer liberal. Der Autor stellt klar, dass es nicht um «Verbote» von Wörtern geht, sondern um eine Diskussion darüber, ob eine Vokabel etwa jemanden diskriminiert oder verhöhnt.

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Eingewanderte Wörter
aus Musikwelle Magazin vom 09.09.2020.
abspielen. Laufzeit 5 Minuten 42 Sekunden.

«Zwerg» beispielsweise ist für Fantasiewesen unproblematisch, jedoch nicht für «kleinwüchsige Menschen», die seit den 1960er-Jahren zunehmend so bezeichnet werden.

«Mohammedaner» statt «Muslim» ist eine sachlich unzutreffende Vokabel, die heute nur noch Rechtsextremisten verwenden.

«Weissrussland» nennt man besser «Belarus», weil sich der Name vom alten Herrschaftsbereich der «Kiewer Rus» herleitet und nicht von Russland.

Auch «Schwarzafrika» ist ungenau und daher eher als «Zentralafrika» oder «subsaharisches Afrika» zu bezeichnen.

Sprache muss neu verhandelt werden

Der Journalist entlarvt auch Falschmeldungen wie etwa: «Ein Berliner Bezirksamt erlaube Weihnachtsmärkte nur, wenn sie ‹Wintermarkt› heissen.» Dies seien Behauptungen ohne Grundlage, die nur der Stimmungsmache dienen.

Die Sprache gehört uns allen. Wir denken in ihr und tauschen uns mit ihrer Hilfe aus. Umso wichtiger ist es, dass wir darüber nachdenken, wie wir das präzise und nicht diskriminierend tun können. Mit seinem Buch «Kaputte Wörter?» liefert Matthias Heine viele nützliche Informationen in undramatischem, sachlichem Ton, der der Diskussion guttut.

Buchhinweis

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Matthias Heine: «Kaputte Wörter? Vom Umgang mit heikler Sprache». Berlin: Duden, 2022.

SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 15.09.2022, 8:06 Uhr.

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17 Kommentare

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  • Kommentar von SRF (SRF)
    Liebe Community.
    Vielen Dank für die anregende Diskussion.
    Wir machen jetzt die Kommentarspalte zu.
    Bis zum nächsten Mal!
  • Kommentar von Michel Koller  (Mica)
    Nicht die Sprache diskriminiert, sondern Menschen. Dass Ausdrücke unterschiedliche Bedeutungen haben, gehört zur Sprache und Kommunikation dazu, aber es ist ein relativ neues Phänomen, dass man aus einer Unterhaltung einfach nur ein Wort herauspickt und sich dann darüber empört, ohne den Kontext der Unterhaltung zu beachten. Hier wird die Sprache als Waffe eingesetzt, um Andere von einer Diskussion auszuschliessen, ohne Argumente in der Sache selbst liefern zu müssen.
  • Kommentar von Maria Müller  (Mmueller)
    Der Begriff Muslim aus dem Bericht ist ein gutes Beispiel.

    Er ist nämlich in gewissem Sinne auch "diskriminierend".
    Weil bei den Buddhisten macht man nämlich auch keine solche Ausnahme und benennt sie nach ihrer "Originalbezeichnung".
  • Kommentar von Dietmar Logoz  (Universalamateur)
    Sprache präzise verwenden? Beginnen wir doch mit dem Verb "diskriminieren": Herkunft laut Duden "lateinisch discriminare = trennen, absondern".
    Jede Unterscheidung trägt in sich von Anfang an das Potential zur Benachteiligung eines Teils der Unterschiedenen. Je präziser ich unterscheide, desto mehr Benachteiligungsmöglichkeiten eröffne ich. Es ist jedoch nicht die Sprache die benachteiligt, sondern meine Einstellung den Unterschiedenen gegenüber. Zu kritisieren bin ich, nicht meine Sprache.
    1. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Schon das Wort "Diskriminierung" hat sich zum negativen verändert. Heute deutet es ein Problem an und Diskriminierung wird vollumfänglich als etwas Schlechtes betrachtet. Allerdings ist Diskriminierung auch ein wichtiger Aspekt von sozialen Gruppen und der Gesellschaft an sich. Sie erzeugt sozialen Druck, sich der Gruppe anzupassen, die Einheit zu stärken und Störfaktoren zu beseitigen. Das kann dann sowohl pos, als auch neg sein.