«Charlie Hebdo» sammelt seine Kräfte

Schon zum zweiten Mal fällt eine Ausgabe aus: Die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» erscheint auch diese Woche nicht. Geben die Zeichner auf? Nein, aber nach den Anschlägen muss die Redaktion erst wieder zu Kräften kommen.

Verbrochener Farbstift

Bildlegende: Man darf nicht vergessen, dass die bekanntesten Zeichner von «Charlie Hebdo» ermordet worden sind. Getty Images

«Charlie Hebdo» fällt seit den Anschlägen schon zum zweiten Mal aus. Warum?

Die Mitarbeiter von «Charlie Hebdo» wollen oder müssen jetzt erstmal eine Pause einschalten. Das ist verständlich. Sie stehen noch immer unter Schock. Am 14. Januar ist die letzte Ausgabe erschienen, seither ist Pause. Der neue Leiter von «Charlie Hebdo», der Karikaturist Riss (Laurent Sourisseau), hat angekündigt, dass es wahrscheinlich mindestens bis zum 11. Februar dauern wird zur nächsten Ausgabe. Die Redaktion muss sich erst neu organisieren und finden.

Die Redaktion braucht auch neue Mitarbeiter?

Man darf nicht vergessen, dass die bekanntesten Zeichner von «Charlie Hebdo» – Cabu, Charb, Wolinski – ermordet worden sind. Das sind Leute, die man nicht einfach ersetzen kann. Der neue Chefredaktor Riss sagt, es brauche eine neue Generation, die jetzt kommen müsse, um das Werk weiterzuführen. Und eine solche Generation findet man natürlich nicht in zwei bis drei Wochen.

Wie wird eigentlich der Anschlag auf «Charlie Hebdo» in der französischen Comic- und Kartoonistenszene diskutiert?

Diese Woche findet das grosse Comic-Festival in Angoulême statt. Es steht natürlich auch unter dem Eindruck der Attentate. Die aktuelle Situation ist eine Herausforderung für die gesamte Zunft der Zeichner: Wie sollen sie in Zukunft zeichnen, ohne dass sie sich bei der geringsten Provokation um ihr Leben fürchten müssen? Das Festival wird unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen beginnen müssen. Ein gutes Zeichen ist, dass die bisherigen Preisträger des Festivals bereits eine gemeinsame Facebook-Seite aufgeschaltet haben, wo sich Karikaturisten aus aller Welt mit Zeichnungen an der Solidaritätskampagne für «Charlie Hebdo» beteiligen können.

Man lässt sich also nicht mundtot machen?

Frankreich hat eine sehr lange Tradition der Satire. Sie geht zurück bis auf die Revolution – und sogar noch auf frühere Zeiten. Diese Tradition wollen die heutigen Karikaturisten verteidigen. Trotz des schweren Schlages. Der neue Chefredaktor formulierte es so: «Wir werden ‹Charlie Hebdo› neu erfinden müssen. Aber es ist klar, dass es immer eine satirische, angriffige und humoristische Zeitung bleiben wird.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 26.1.15, 6:45 Uhr

Rudolf Balmer

Seit 1987 ist Rudolf Balmer als Journalist für deutschsprachige Medien in Paris tätig.