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#vanlife Das Geschäft mit dem Traum vom Aussteigen

Mit dem VW-Bus um die Welt! Der Traum von der grossen Freiheit ist zum Geschäftszweig mit Hashtag und Produktplatzierung geworden. Das gefällt nicht allen.

Frau stemmt sich zwischen zwei Felsen in die Luft
Legende: Die Baslerin Evelyn versucht, ihre Reise nicht zu vermarkten. Einfach ist das nicht. ZVG / buessli.com
  • Unter dem Hashtag #vanlife kann man zuhause auf dem Sofa teilhaben an Reiseabenteuern.
  • Hinter dem Hashtag #vanlife verbirgt sich viel Marketing und Produktplatzierung.
  • Kritiker sagen, #vanlife schade den echten Langzeitreisenden.

Nomadenleben light

Im VW-Bus um die Welt zu fahren, ist der Traum vieler Mittzwanziger und –dreissiger. Ein Leben inspiriert vom Streben nach absoluter Freiheit und minimalem Besitz. Das Credo: Einsteigen, um auszusteigen.

Dank dem Hashtag #vanlife erlebt man die Light-Version des Nomadenlebens auf vier Rädern auch vom Sofa aus mit. Auf Instagram findet man unter diesem Hashtag 1,7 Millionen Beiträge.

Fotos von Vans mit integrierter Mini-Küche und Bett, aufgenommen an abgelegenen Orten rund um den Globus. Die stolzen Besitzer posieren davor – wahlweise mit Surfbrett oder in Yoga-Posen. Der Hashtag #vanlife ist der Inbegriff eines hippen Lebensstils.

Aussteigertum möglichst geldbringend vermarkten

Dass hinter diesem Idyll viel Arbeit, knallharte Verträge und fordernde Sponsoren stecken, wissen viele Follower nicht. Der Hashtag #vanlife hat sich seit seiner Erfindung 2011 mehr und mehr zu einer Marke entwickelt. Professionelle Vanlifer arbeiten mit verschiedenen Sponsoren zusammen und vermarkten auf ihrem Instagram-Kanal Produkte.

Vanlifer der ersten Stunde wie die Amerikaner Corey und Emily finanzieren sich auf diese Weise ihr Nomadenleben seit mehreren Jahren erfolgreich. Unter dem Namen «Where’s my office now», Link öffnet in einem neuen Fenster führen sie einen Blog sowie einen Instagram-Account mit rund 175'000 Followern.

Dort beantworten sie Fragen rund ums Leben im Van und gewähren ihren Abonnenten intime Einblicke in ihren Alltag. Ihr Hauptsponsor ist ein amerikanischer Wasserflaschenhersteller, die Flaschen in jedem geposteten Foto präsent.

Der Stress mit der Freiheit

Das #vanlife-Geschäft scheint auf den ersten Blick ziemlich lukrativ: ein Foto bringt 500 bis 1500 US-Dollar. Doch der Instagram-Kanal muss jeden Tag neu gefüttert werden. Die Jagd nach geeigneten Inhalten treibt professionelle Vanlifer vom einen Sonnenuntergang zur nächsten einsamen Insel. Ob dabei Zeit bleibt, die Reise zu geniessen?

Mann kniet neben VW-Bus und hat einen Reifen repariert
Legende: Der Basler Markus muss sich selber helfen, da steht kein Sponsor im Hintergrund. ZVG / buessli.com

Das haben sich auch die Basler Kleinbusnomaden Evelyn und Markus, Link öffnet in einem neuen Fenster gefragt, als sie vom Social-Media-Phänomen #vanlife hörten. 2004 reisten sie mit ihrem VW-Bus während 18 Monaten von Buenos Aires nach Halifax – ohne Sponsoren und ohne Instagram-Kanal.

Das falsche Bild vom echten Aussteigen

Die beiden können dem #vanlife-Hype nicht viel abgewinnen: «Wir und viele Reisende in unserem Bekanntenkreis halten sich bewusst von solchen Social-Media-Kanälen fern.» Solche Bilder vermittelten ein trügerisches Bild vom Leben im Van, meinen die beiden Reisebegeisterten. «Das Reisen im VW-Bus ist nicht nur easy. Dahinter steckt viel Arbeit, möglicherweise Geldsorgen, Beziehungsstress, Existenzängste und Ungewissheit.»

Durch die zahlreichen Blogs zu diesem Lebensstil existiere ein klares Überangebot. «Dadurch stösst das Thema unserer Erfahrung nach mittlerweile schon auf Desinteresse. Das kann den echten Langzeitreisenden im Van teilweise schaden.»

Ein Lebensgefühl wird zum Produkt

Dass der Hashtag #vanlife einen so grossen Einfluss auf das virtuelle und reale Leben von gewissen Menschen haben könnte, hätte sein Erfinder wohl nie gedacht.

#vanlife polarisiert. Einerseits gibt er den umherreisenden Hipsters endlich einen Namen und ein Gefühl der (virtuellen) Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Andererseits macht diese Bezeichnung ein Lebensgefühl zu einem kapitalistischen Produkt, das mit dem Aussteiger-Gedanken nichts mehr gemein hat.

Fest steht: Den Traum vom VW-Büsli werden auch die Generationen nach uns träumen. Schliesslich träumten ihn schon unsere Eltern.

Sendung zum Thema

Permanent rennen viele Menschen im Hamsterrad, fühlen sich ferngesteuert.

Über das Aussteigen aus dem Hamsterrad diskutierte der Club.

1 Kommentar

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  • Kommentar von Esther Siefert (E.S. (parteilos))
    Man kann halt nicht alles haben - und reisen ohne Geld geht eben auch nicht und wer auf diese Weise reisen will, setzt sich selber unter gehörigen Druck - er muss sich sein Geld "erarbeiten". Ich verstehe sowieso nicht, wieso man sich eine solche Reise so "ungeniert" finanzieren lassen kann Wir haben ein Leben lang gespart, um uns eine solche Reise finanzieren zu können. Nur so lernt man, die Erlebnisse und Abenteuer zu estimieren und ist dankbar, dieses langgesteckte Ziel zu erreichen...
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