Das iPhone ist Teil unseres Geistes

Wer kennt heute noch die Telefonnummern seiner Freunde oder den eigenen Terminplan auswendig? Niemand. Sind wir vergesslicher geworden? Nein, meint der australische Philosoph David Chalmers. Ein Teil unseres Ichs und unseres Wissens sitze nämlich nicht im Gehirn, sondern in unseren Smartphones.

Portrait von David Chalmers mit iPhone in der Hand.

Bildlegende: David Chalmers sieht sein iPhone als Teil seines Geistes. Flickr/ TEDxSydney

Er sieht aus wie ein australischer Surfer. Der Philosoph David Chalmers trägt langes Haar, knallige T-Shirts und Dreitagebart. Wie es sich für einen Philosophen gehört, denkt er allerdings wenig über solche Äusserlichkeiten nach, sondern richtet seinen Blick nach innen. Er ist einer der renommiertesten Bewusstseinsforscher der Welt und kennt den menschlichen Geist wie seine eigene Westentasche. In dieser Westentasche sitze er nämlich, der Geist. Denn darin steckt sein iPhone.

Der erweiterte Geist

Chalmers vertritt die These, dass unser Geist nicht bloss im Gehirn hause, sondern auch in unserem Körper, in unseren Notizbüchern, in Smartphones und Computern. Kinder etwa würden nicht mit dem Gehirn, sondern mit den Fingern zählen. Und Erwachsene behalten ihre Termine nicht im Kopf, sondern in der Agenda. Heute speichert das Smartphone wichtige Informationen und sagt uns, wo’s lang geht. Ein Teil des Geistes ist aus dem Gehirn ausgewandert und steckt nun in der Technik, meint David Chalmers.

Diese Theorie hat er zusammen mit dem Philosophen Andy Clark aufgestellt. Sie heisst schlicht: «The Extended Mind». Aber stimmt sie? Gehören die Informationen auf meinem Smartphone wirklich zu meinen eigenen Erinnerungen und zu meinem Wissen? Ich kann sie dort zwar nachschlagen, aber sind sie tatsächlich ein Teil meines Geistes?

Ein iPhone im Gehirn

Stellen Sie sich vor, ihr iPhone würde ihnen ins Gehirn implantiert werden und sie könnten nun, ohne ihre Hände zu benutzen, durch reines Nachdenken auf die Informationen zugreifen. Sie würden also nicht mehr in ihrem iPhone nach einer Telefonnummer suchen, sondern in ihrem Geist! Nun gehörten also die Informationen des ins Gehirn integrierten iPhone zu ihrem persönlichen Wissen! Wenn ihr iPhone dann noch Internetzugang hat, wissen sie auf einmal alles, was in den Zeitungen steht und auf Wikipedia zu lesen ist! Kurz: Jeder wäre ein Universalgenie.

Chalmers meint nun, es sei unwichtig, ob das iPhone in der Hand oder im Kopf ist – hauptsache die Daten sind zugänglich. Solange das Ladegerät also in Reichweite ist, besteht kein Grund zur Sorge. Aber was, wenn die Technik streikt? Das käme dann wohl einem Hirnschlag oder einer plötzlich eintretenden Demenz gleich. Noch schwerer wiegt die Frage, ob man Schulkindern an Prüfungen erlauben sollte, nicht nur ihr Gehirn, sondern auch ihre Smartphones zu benutzen! An dieser Frage darf sich die Ethik die Zähne ausbeissen.

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