Das Lebenswerk eines Archäologen – zerstört vom IS

Hikmat Basheer al Aswad war Direktor des Museums in Mosul. Der Archäologe wurde bedroht, weil er ein Christ ist – und musste mit seiner Familie in die Niederlande flüchten. Die Zerstörung von Kulturgütern durch den «Islamischen Staat» in «seinem» Museum hat ihn zutiefst verletzt.

Kämpfer des «IS» stossen eine Statue um.

Bildlegende: Zerstörung, medial gross inszeniert: Ein Screenshot aus einem Video der «IS». Keystone

Noch immer kann Hikmat Basheer al Aswad nicht glauben, was er auf Youtube gesehen hat: Terroristen des «Islamischen Staat», die mit einem Hammer antike Statuen im Archäologischen Museum in Mossul in Stücke schlugen.

Wie ist es möglich, dass solche «Ignoranten» so wertvolle Kunstwerke zerstören? Der 65-Jährige stellt sich diese Frage bis heute. Schliesslich hat er jahrelang beim Ausgraben und Dokumentieren vieler Gegenstände mitgewirkt. Die ganze Mühe sei umsonst gewesen, so al Aswad. Man hätte die Funde besser im Boden belassen.

Das irakische Kulturgut als Teil der Familie

In der Familie von Hikmat Basheer al Aswad drehte sich bis vor kurzem alles um die reiche Bodengeschichte ihrer irakischen Heimat. Der Vater, ein studierter Archäologe mit langer Ausgrabungserfahrung, war Direktor des Archäologischen Museums in Mosul. Seine Frau arbeitete in der Bibliothek desselben Hauses. Und die zwei Töchter machten ihre Schulaufgaben inmitten der assyrischen und parthischen Fundstücke.

Nur zerstörte Kopien?

Hikmat Basheer al Aswad hält ein Archäologie-Buch in der Hand. Er hat kurzes graues Haar.

Bildlegende: Für ihn ist die kulturelle Zerstörung der IS-Kämpfer unerträglich: Hikmat Basheer al Aswad. Elsbeth Gugger

Dass nun ein Teil dieser Gegenstände in tausend Stücke geschlagen wurde, will der ehemalige Museumsdirektor nicht glauben. Es zirkuliere eine Geschichte, wonach die IS-Terroristen bloss Kopien zertrümmert hätten, um die Originale teuer verkaufen zu können, erzählt al Aswad in seinem neuen niederländischen Zuhause in einem tristen Aussenquartier von Amersfoort.

Ob das Gerücht stimmt, vermag er nicht zu beurteilen. Wohl ist ihm aber aufgefallen, dass die Statuen im Video mit einem Nylonnetz überzogen waren. Da die Originale keineswegs umwickelt gewesen seien, könne dies ein Hinweis auf Kopien sein. Eine definitive Antwort wird der Museumsdirektor wohl erst erhalten, wenn der IS dereinst aus Mossul vertrieben wurde.

Die Flucht als einzige Lösung

Hikmat Basheer al Aswad und seine Familie wurden seit Jahren bedroht, weil sie Christen sind. Bereits 2003, als die Amerikaner mit ihren Koalitionspartnern einmarschierten, habe sich alles verändert, erzählt der Vater. Seinen Posten als Museumsdirektor musste er aufgeben. Ein neues Gesetz erlaubte es den Christen nicht mehr, eine höhere Position einzunehmen. Gleichzeitig gingen immer mehr mit Kugeln bestückte Drohbriefe ein.

Als die Familie befürchten musste, dass die ältere Tochter entführt werden könnte, floh die Mutter mit ihr in die Niederlande. Dort wurden sie als Flüchtlinge anerkannt. Zwei Jahre später, 2013, kam der Vater mit der anderen Tochter nach. Die beiden jungen Frauen machen inzwischen eine Ausbildung als Zahnarzthelferin. Die 55-jährige Mutter engagiert sich als gemeinnützige Helferin.

Die Erde des Irak fehlt

Das Familienoberhaupt jedoch beschäftigt sich weiterhin mit Archäologie. 13 Bücher hat er bereits über die historischen Ausgrabungsstätten im Irak publiziert. In einer Ecke im kleinen Amersfoorter Wohnzimmer arbeitet er nun an seinem 14. Buch. Auch dieses verfasst er auf Arabisch. Aber er hofft, dass sich ein Verlag finden lässt, der die Bücher ins Englische übersetzten lässt. Insbesondere jene Werke über die Schätze der antiken Hauptstadt Hatra, die heute zum geschützten Unesco-Weltkulturerbe gehört.

Natürlich ist er froh, dass seine Familie jetzt in Sicherheit ist und die beiden Töchter eine Ausbildung machen könnten. Aber das Leben in den Niederlanden fällt ihm nicht leicht. Archäologen seien eng verbunden mit der Erde ihrer Ausgrabungsstätten, sagt Hikmat Basheer al Aswad, und fügt melancholisch hinzu: «Es ist sehr schwer, ohne diese Erde zu leben.»

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 26.06.2015, 17:20 Uhr.