Das Monster am Meer: Wohnen im alten Nazi-Hotelkomplex

Der «Koloss von Prora» auf der Insel Rügen: Das sind acht Blöcke aus der NS-Zeit. Zu DDR-Zeiten verfiel der Komplex, seit 20 Jahren ist er denkmalgeschützt. Nun sollen dort Luxuswohnungen und Hotelappartements entstehen. Doch schaut man wirklich genau auf die wechselvolle Geschichte des Baus?

Prora, «der Koloss von Rügen», war einst ein Prestigebau des Dritten Reiches, ein unvollendet gebliebener riesiger Ostsee-Hotelkomplex der nationalsozialistischen Urlauberorganisation «Kraft durch Freude» (KdF). Hitlers Architekt Clemens Klotz schuf damit ein Symbol nationalsozialistischen Grössenwahns.

Die DDR übernahm den Komplex und machte das Gebiet zum militärischen Sperrgebiet. Nach der Wende war das gesamte, fast fünf Kilometer lange Gebäude dem Verfall preisgegeben und man stritt seitdem über die Zukunft dieser Hinterlassenschaft des Nazi-Regimes.

Nazi-Monumentalität und DDR-Militarismus

Es ist das Ende der Welt. Von dort aus geht es nicht mehr weiter. Es war der Strand von Rügen für die DDR-Bürger, es war der Anfang der Welt für die Nationalsozialisten. «Kraft durch Freude» war hier das Programm, das die Massen stärken sollte, um in den Eroberungskrieg zu ziehen.

Der «Koloss von Rügen» ist 4,5 Kilometer lang. Nazi-Monumentalität und DDR-Militarismus, Monument eines langen Streits – hier entfaltet sich das gesamte Panorama deutscher Geschichte. Prora ist das erste von fünf geplanten gigantischen Seebädern der Nazis. Der Krieg brach aus und der Baustopp wurde verhängt. Erst nach dem Endsieg sollte es fertiggestellt werden.

Luxussanierung

«Fertiggestellt» wird es – absurderweise – jetzt. «Neues Prora» heisst eine der Visionen. Denn nach jahrzehntelangem Verfall, der auf die militärische Nutzung durch die DDR folgte, wird jetzt saniert.

«Es ist in der Tat so», sagt Unternehmerin Iris Hegerich, «es ist nichts stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Es haben schon seit vielen Jahren verschiedene Investoren versucht, daraus etwas zu gestalten. Es hat sich nicht immer ganz harmonisch mit den Behörden gestaltet und es hat sich verändert, weil sie auch gemerkt haben: Es ist ein Denkmal, ein Baudenkmal, und es hat keinen Sinn, es verfallen zu lassen. Es wäre schade. Es ist besser, es zu nutzen und wieder mit Leben zu erfüllen.»

Die berüchtigtste Kasernenanstalt der DDR

Dieser Ort war einmal von der Landkarte verschwunden, wurde militärisches Sperrgebiet, mit der Gründung der DDR vor 65 Jahren. Später zog dort die Nationale Volksarmee ein. Prora war die grösste und berüchtigtste Kasernenanstalt der DDR.

Blick auf einen langen Betonbau an der Meeresküste.

Bildlegende: Erste Hotelappartments stehen zum Verkauf. Keystone

Heute befördert die Sanierung – alleine von Block 1 – 7000 Tonnen DDR-Schutt auf den Müllhaufen der Geschichte. Geht hier ein Kampf um Erinnerung und Gedenken verloren?

«Hier wird Geschichte umgebaut und Geschichte immens entsorgt», sagt der Historiker Stefan Wolter. «Das Problem ist, dass Prora 1994 nicht als ein Komplex zur Geschichte zweier Diktaturen unter Denkmalschutz gestellt wurde, sondern einseitig als KdF-Anlage, als die es nie vollendet worden ist.» Was die Nationalsozialisten nicht geschafft haben, soll also jetzt nach deren Vorbild vollendet werden, um den Verfall aufzuhalten?

«Schön wohnen und Urlaub machen»

70 Millionen Euro investiert unerschrocken beispielsweise eine Berliner Immobilienfirma, die Block 1 erworben hat. «Wir brechen es jetzt zurück auf den Rohbau von 1939 und geben dem Ganzen jetzt einen neuen Inhalt», sagt der Unternehmer und Investor Gerd Grochowiak. «Es wird dann fertiggestellt, um hier schön zu wohnen und Urlaub zu machen.»

Der Denkmalschützer Markus Sommer-Scheffler zeigt uns: «Der Denkmalschutz beruht auf dem, worauf ich stehe. Auf dem Befund, auf dem Objekt. Man hat erkannt: Hier handelt es sich um das grösste monumentale Baugebäude in Mecklenburg-Vorpommern, wenn nicht in ganz Deutschland, von ungefähr fünf Kilometern Länge. Und das ist in der ganzen Welt einzigartig, solch ein Gebäude. Es zeigt die Unverschämtheit der Nationalsozialisten, wie sie hier mit Natur, Landschaft und dem Gebiet umgegangen sind, dass sie an den schönsten Strand von Rügen einen derartig monströsen Baukörper hingesetzt haben.»

«Drei Worte genügen: Nie Wieder Rügen»

Wurde da nicht etwas vergessen? Prora ist ein Symbol für nationalsozialistischen Grössenwahn und für Aufstieg und Fall der DDR. Deren Insignien verschwinden. Und auf dem Gelände gehört es zu dem Wenigen, was man für schützenswert hielt. Es ist eine geheimnisvolle, unbekannte Geschichte.

Prora war beispielsweise der grösste Standort für Bausoldaten in der DDR. Sie verweigerten den Dienst an der Waffe und galten deshalb schon als Staatsfeinde. «Drei Worte genügen: Nie Wieder Rügen», hiess es unter den Soldaten. Bei Prora geht es vor allem um ihre persönliche Geschichte.

Verdrängungsmechanismen

Blick auf einen langen Bau an der Meeresküste.

Bildlegende: Ein schwelender Konflikt baut sich um das entnazifizierte Betonmonster auf. dpa

«Ein Zugang zu Prora war natürlich die eigene Geschichte», sagt Stefan Wolter, «die Geschichte des Waffenverweigerers, Bausoldat, der hier von 1986 bis 1988 als 19-Jähriger hierherkam und diesen Drill und die Kommandos und Abrichtungsmaschinerie, die hier stattgefunden hat, erlebt hat und dann nach der politischen Wende wieder hierherkam als Historiker und gesehen hat, dass der Ort plötzlich keine Kaserne mehr ist, sondern KdF-Bad, dass alle Welt nur noch vom KdF-Bad sprach und diese DDR-Geschichte im Grunde genommen nicht stattgefunden hat.»

Prora verkörpert auch eine Überforderung der Gesellschaft nach der politischen Wende – Verdrängungsmechanismen. Geschichte ist nicht nur Geschehenes, sondern Geschichtetes. Und diese Schichten sind noch sichtbar und erfahrbar. Bald sind solche Spuren aus der DDR-Zeit restlos verschwunden. Ist das wirklich ein Verlust, fragen sich manche. Prora hat eine doppelte Geschichte. Das ist die eigentliche Geschichte.

Es braucht eine kritische Erinnerungskultur

Ausstellungsorte wie das Dokumentationszentrum Prora oder das Prora-Zentrum sind noch da. Welche Geschichte werden sie in Zukunft erzählen? Woran wird man sich in Prora erinnern? Am Ende doch nur an Urlaub, wie in der grössten Jugendherberge der Welt?

«Die Zukunft wird es zeigen, ob das Gebäude hier auch aus DDR-zeitlicher Perspektive keinen Denkmalwert aufweisen wird», sagt Denkmalpfleger Markus Sommer-Scheffler. Nicht alles ist ein «Denkmal», aber ohne eine kritische Erinnerungskultur verschwinden authentische Orte. Kapital schlägt Geschichte?

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei 3sat.de.