Das neue Sorgerecht stärkt das Kindeswohl

Am 1. Juli tritt das gemeinsame Sorgerecht in Kraft. Die Schweiz holt damit nach, was in Nachbarländern gang und gäbe ist: Neu wird die gemeinsame Elternschaft zum Regelfall, auch nach einer Scheidung. Ein Schritt in Richtung Gleichstellung – doch die Frage des Unterhalts ist damit nicht gelöst.

Ein Vater hält ein sechs Monate altes Kind in den Armen, die Mutter steht daneben.

Bildlegende: Auch wenn sie als Lebenspartner auseinandergehen: Elternpaar bleiben sie nach neuem Recht. Keystone

Der 1. Juli 2014 ist ein bedeutsamer Tag für die Gleichstellung. Nach langem Hin und Her, nach Ringen und Bangen, wird in unserem Land das gemeinsame Sorgerecht rechtskräftig. Ob geschieden oder nur getrennt – ab jetzt wird die gemeinsame Sorge für die Kinder zum Regelfall.

Eltern bleibt man – auch nach dem Aus der Liebe

In der Schweiz wird rund jede zweite Ehe geschieden. In der Hälfte dieser Fälle sind Kinder vom Aus der partnerschaftlichen Liebe ihrer Eltern betroffen. Ab sofort gilt, dass für diese Kinder Papa und Mama mindestens bis zur Volljährigkeit gemeinsam sorgen müssen. So will es der Gesetzgeber. Wenn die Kinder dann noch in Ausbildung sind, gilt die gemeinsame Sorge noch länger.

Das ist eine Stärkung des Kindeswohls. Denn die Eltern sind nun nicht nur psychologisch, sondern auch juristisch dazu aufgerufen, einen Unterschied zu machen zwischen zwei Rollen: Als Lebenspartner gehen sie auseinander. Als Elternpaar bleiben sie zusammen.

Die Schweiz ist ein Nachzügler

Was in der Schweiz neu ist, ist in unseren Nachbarländern schon länger gang und gäbe. Frankreich, Italien, Deutschland und Österreich haben diesen Schritt in Richtung Gleichstellung schon früher getan. Auch England kennt die gemeinsame Sorge als Regelfall. Aber überall passieren die gleichen Verwechslungen unter juristischen Laien und Nichtbetroffenen. Denn: Sorge und Obhut sind zwei Paar Schuhe.

Sorge meint die gemeinsame Verantwortung für lebensbestimmende Dinge. Welche Ausbildung ist für unsere Tochter passend? Welche medizinischen Massnahmen sind für unseren Sohn richtig? Wie wird das religiöse Leben unserer Kinder gestaltet? All das gehört zur Sorge. Die gemeinsame Sorge bedeutet aber nicht, dass die Obhut geteilt wird.

Zankapfel Unterhalt

Zur Obhut zählen Fragen wie: Wo leben die Kinder? Wer wäscht ihre Wäsche und wer kontrolliert täglich die Hausaufgaben? Wer schlichtet den Streit mit dem Nachbarskind und wer tröstet beim ersten Liebeskummer? Das sind die Alltagsaufgaben der Obhutsperson. Sie ist meistens die Mutter. Nach wie vor.

Beim Unterhalt geht es ums Geld. Wer die Obhut hat, arbeitet und verdient weniger. Das heisst: Die Obhutsperson ist finanziell auf den Partner angewiesen, der obhutsbefreit ist und deswegen mehr Geld erwirtschaftet.

Die Unterhaltsregelung bei Trennung und Scheidung kann zum Zankapfel über Jahre werden. Noch immer ist nämlich eine Trennung oder Scheidung für Frauen ein Armutsrisiko. Und noch immer fühlen sich viele Männer zu Zahlvätern und Besuchpapas degradiert. Aber: Eine schweizerische Sozialstudie kommt zum Schluss, dass sich die auseinandergehenden Paare in 90 bis 95 Prozent der Fälle einvernehmlich trennen oder scheiden lassen.

Buchhinweis

Margret Bürgisser: «Gemeinsam Eltern bleiben trotz Trennung und Scheidung». hep Verlag, 2014.

Sendung zu diesem Artikel