Das persönliche Credo des neuen Papstes

Papst Franziskus und der Rabbiner Abraham Skorka kennen sich seit über 20 Jahren und trafen sich in Buenos Aires regelmässig zu Kaffee und Gesprächen über Gott und die Welt. Daraus entstanden ist das Dialog-Buch «Über Himmel und Erde», das jetzt auch auf Deutsch erschienen ist.

Das gab es noch nie: Ein Dialog zwischen einem Papst und einem Rabbiner auf Augenhöhe. Die Gespräche von Papst Franziskus, damals Erzbischof von Buenos Aires, und seinem «Bruder und Freund», dem Rabbi Abraham Skorka kreisen um Gott, den Teufel, diese und die jenseitige Welt. Sie entdecken dabei ethische Gemeinsamkeiten wie die unverbrüchliche Würde des Menschen und die Heiligkeit des Lebens. Sie teilen ihre Verantwortung für die Schöpfung wie auch ihre Liebe für Gerechtigkeit – und Fussball.

Die Dialoge wurden in einem Buch veröffentlicht. Berechtigt mag die Kritik am schmalen Büchlein sein, dass darin gar viele, gar weltbewegende Themen verhandelt werden, von der Globalisierung bis zur Sterbehilfe, vom Alter bis zum Holocaust. Aber diese Kürze bedeutet nur manchmal auch Oberfläche. Auf wenigen Seiten halten Papst und Rabbiner fest, was sie selbst und was ihre Traditionen zur Problemlösung anzubieten haben.

So verbiete die Heiligkeit des Lebens eine aktive Sterbehilfe, die Würde eines Menschen könne umgekehrt gerade eine passive Sterbehilfe erforderlich machen, wenn ansonsten nämlich nicht das Leben, sondern allein das Sterben unerträglich verlängert würde.

Jüdisch-christlicher Dialog auf höchstem Niveau

Der Papst und sein Freund, der Rabbi, leben hier vor, wie Dialog zwischen Juden und Christen geht und was er bringt: nämlich Freundschaft und Erkenntnisgewinn. Papst Franziskus zeigt sich in klassischen Punkten (Frauenweihe, Homosexualität, Ämterverständnis) zwar als moralisch konservativ, aber auch als einer, der seine Positionen gegen Abtreibung und kirchliche Homo-Ehe durchaus vernünftig begründen kann, ohne andere abzuurteilen. Die persönliche Freiheit jedes und jeder Einzelnen erkennt er vollumfänglich an, erklärt seinen Respekt für Andersglaubende und -lebende. Er erteilt jedem kirchlichen Druck, etwa auf Homosexuelle, eine klare Absage. Die Priesterinnenweihe ist für ihn aus traditionellen Gründen zwar undenkbar, gleichzeitig betont er aber die Ebenbürtigkeit von Frau und Mann.

Weniger umständlich hat es in der Frauenfrage Rabbiner Skorka: Im Judentum gibt es seit der Tempelzerstörung (70 n. d. Zt.) keine aktiv amtierenden Priester mehr, darum stellt sich auch die Frage nach Priesterinnen nicht. Lehren dürfen Frauen durchaus, auch in orthodoxen Kreisen.

Soziale Gerechtigkeit als jüdisch-christliches Anliegen

Papst Franziskus erweist sich in den Gesprächen über Wirtschaft, Schulden und Familienprobleme als einer, der mitten in der Welt steht, sie wirklich kennt. Und auch weiss, was Armut bedeutet. Papst und Rabbi verurteilen beide den Turbokapitalismus und rekapitulieren die biblischen Werte von Schuldenerlass, gerechten Löhnen und Reichensteuern.

Vielleicht können sich die beiden auch deshalb so gut verständigen, weil sie beide aus der biblischen Ethik schöpfen. Eine Ethik, die vom Teilen spricht, von Solidarität mit den Fremden, Schwachen und Alleingelassenen. So lernt man über beide Religionen sehr viel, über die Vielfalt im Judentum wie auch über die Grosszügigkeit des Katholizismus.

Auf dem jetzt ins Deutsche übersetzten Buch von Jorge Bergoglio, heute Papst Franziskus, und seinem Freund Rabbiner Abraham Skorka klebt ein runder, roter Button mit der Aufschrift: «Das persönliche Credo des neuen Papstes». Das macht doch schon mal Hoffnung.

Buchhinweis

Papst Franziskus:«Über Himmel und Erde» – Jorge Bergoglio im Gespräch mit dem Rabbiner Abraham Skorka. Riemann Verlag 2013.