Das Piratenradio «Schwarzer Kanal»: DDR-Kritik aus dem Untergrund

Eine Untergrundbewegung in der DDR gründete 1986 den illegalen Radiosender «Schwarzer Kanal». Im Versteck bereiteten die Radiopiraten ihre Sendungen vor. Und funkten sie, dank Kontakt nach Westberlin, über den Äther. Staatshüter horchten mehr als nur auf. Die autonomen Radiomacher riskierten viel.

Die Silhouette von Häusern, dunkel im Gegenlicht mit Antennen auf den Dächern.

Bildlegende: «Schwarzer Kanal»: Die staatskritischen Infos wurden in der DDR produziert und via Westberlin in den Äther geschleust. Flickr/Nicolas Decoopman

«Leider muss das Sende-Team anonym bleiben. Stellt also um unseretwillen keine Vermutungen an, das ist Bullen-Arbeit! Im Übrigen verspüren wir nicht die geringste Lust, für die paar Sätze und Melodien unsere schöne Anlage loszuwerden und vielleicht noch in den Knast zu wandern.» So sprach eine Männerstimme am 31. Oktober 1986 über den Äther, begleitet von viel Rauschen und Knacken. Sie kündigte die bevorstehende Sendung des «Schwarzen Kanals» an, einer illegalen Aktion von DDR-Oppositionellen.

Kritik an Atomlobby und Staat

Gleich zu Beginn der knapp halbstündigen Radiosendung kamen die Folgen des Unglücks von Tschernobyl zur Sprache. Die AKW-Katastrophe geschah ein halbes Jahr davor, im April 1986. Vonseiten der DDR-Regierung wurden die Gesundheitsrisiken für die Bevölkerung totgeschwiegen. Die Stimme im Radio warnte vor der Strahlenbelastung: «Es gibt keine ungefährliche Radioaktivität, nur gefährliche politische und ökonomische Interessen.»

Auf zynische Art Tabus brechen

Der «Schwarze Kanal» brach auf zynisch-trockene Art die grössten Tabus der DDR. Das Ziel des Senders war, unterdrückte Informationen zu beschaffen und zu verbreiten. Die Radiomacher riefen zudem zu politischem Widerstand auf. Sie stellten in Aussicht, zukünftig immer wieder im Äther dazwischenzufunken. Für jeden letzten Samstag im Monat war um zehn Uhr nachts eine Sendung vorgesehen.

Nicht nur in der oppositionellen Szene sprach man über den neuen Radiosender – in viele private Briefkästen, Universitäten und Fabriken flatterten Handzettel mit der spektakulären Neuigkeit. Viele Bürgerinnen und Bürger verfolgten das offiziell verbotene Projekt.

Den Radiomachern drohte die Todesstrafe

Der zuverlässige Kontakt nach Westberlin war für den «Schwarzen Kanal» massgeblich. Die eingeweihten Radiomacher im Westen nahmen die streng geheimen Texte entgegen, vertonten sie auf Tonbandkassetten und strahlten das Programm von jeweils knapp einer halben Stunde aus. Das Empfangsgebiet reichte über die Berliner Mauer, also bis hinüber in die DDR.

Das autonome Team des «Schwarzen Kanals» arbeitete unter permanenter Lebensgefahr. Denn wer illegal einen Sender in der DDR betrieb, riskierte langjährige Gefängnisstrafen oder sogar eine Todesstrafe. Das Regime der DDR tolerierte weder eine unabhängige Presse noch eine Widerstandsbewegung.

Doch es mutet wie ein Wunder an: Die autonomen Radiomacher wurden nie geschnappt. Die Untergrund-Organisation blieb dank grösster Vorsichtsmassnahmen und strikter Geheimhaltung unerkannt – bis zur Wende vor 25 Jahren.