Das Schattendasein des Luzerner Strassenstrichs

Zürich räumt den Sihlquai, Olten verbietet Sexarbeit bei Tageslicht und das Tessin untersagt sie komplett. In Luzern ist Prostitution bisher nicht geregelt. Die Stadt reagiert bislang nur mit Verdrängung - ins Industriegebiet. Eine Reportage über die Folgen für Frauen und Hilfsorganisationen.

Auf einer dunklen Strasse ist der Schatten von Beinen auf Stöckelschuhen und der dazugehörige Schatten auf dem Asphalt erkennbar.

Bildlegende: Luzern hat den Strassenstrich aus der Stadt verbannt - jetzt findet die Sexarbeit komplett im Verborgenen statt. Keystone

Es ist kalt an diesem Winterabend, das Thermometer zeigt um 8 Uhr minus 7 Grad an. Am Strassenrand liegt vereister Schnee, beim Ausatmen bilden sich weisse Dampfwolken. Im Industriegebiet nahe der Autobahnausfahrt Emmen ist es ruhig und dunkel - die einzigen Geräusche kommen von Autos, die langsam durch die Strasse fahren und von Frauen, die kreischend auf sich aufmerksam machen.

Viele kommen aus Osteuropa

Die Sexarbeiterinnen stehen im Abstand von wenigen Metern aufgereiht auf dem Gehsteig vor den Firmengebäuden. Auf dem ganzen Areal arbeiten ungefähr 15 Frauen. Einige von ihnen sind leicht bekleidet, tragen kurze Röcke, andere Jeans und dicke Jacken. Die Stiefel mit den hohen Absätzen haben sie aber alle gemeinsam, genauso wie ihre Herkunft Osteuropa.

Prostitution als einziger Ausweg

Vier Bulgarinnen wärmen sich an einem Heizstrahler. Ihr Job sei schwierig, sagen die Frauen, die zwischen 20 und 30 Jahre alt sind. Die Arbeit aufzugeben, kommt aber nicht in Frage. Fast alle sind Mütter und prostituieren sich, um ihre Kinder zu ernähren.

Über Umwege seien sie in der Schweiz gelandet, weil in den anderen westeuropäischen Ländern die Preise ins Bodenlose gefallen seien. An diesem Mittwochabend läuft das Geschäft aber auch in Luzern nicht gut. Ungefähr zwei bis vier Männer bedient jede dieser Frauen an so einem Abend.

Im Stadtzentrum war vieles anders

Die meisten Frauen kommen gegen sieben Uhr abends und arbeiten bis fünf Uhr in der Früh. 10 Stunden in der Kälte, den einzigen Unterschlupf finden sie während dieser Zeit in den Autos ihrer Freier.

Am alten Standort war dies anders: Im Stadtzentrum hatten die Frauen Zimmer, in die sie sich zurückziehen konnten. Eine junge Polin erzählt, der Sex finde hier nun meist im Auto statt, dies sei viel weniger hygienisch, weil man zum Beispiel nicht duschen könne. Verständnis haben sie aber trotzdem, dass der Strassenstrich in der Innenstadt nicht mehr toleriert wird.

Schwierige Bedingungen für Hilfsorganisationen

Und der neue Standort bringt noch andere Probleme mit sich: Birgitte Snefstrup beobachtet für die Luzerner Aidshilfe das Sexgewerbe. Ihr fällt auf, dass hier vor allem Frauen aus anderen Ländern arbeiten. Diese wohnen oft nicht in der Zentralschweiz, sondern im Kanton Solothurn oder in Zürich. Und sie haben flexible Arbeitsorte, sie sind immer dort, wo das Geschäft läuft und es wenige Probleme mit den Behörden gibt. So sind die Kontaktmöglichkeiten für die Aidshilfe beschränkt.

Alle paar Wochen besucht Birgitte Snefstrup mit Übersetzerinnen die Frauen auf dem Luzerner Strassenstrich. Während der Arbeit auf der Strasse seien aber keine tieferen Gespräche mit den Frauen möglich und die Frauen gut zu betreuen, sei unter diesen Umständen nicht möglich.

Schmaler Grat zwischen legal und illegal

Die vernetzte und schnelllebige Szene im Industriegebiet stellt die Polizei vor besondere Herausforderungen. Stichhaltige Beweise dafür, dass die Osteuropäerinnen auf der Strasse gehandelt oder zur Prostitution gezwungen werden, fehlen. Anhaltspunkte dafür gebe es aber, sagt Heinrich Kesseli, Leiter der Fachgruppe Sexualdelikte bei der Luzerner Polizei.

Der Grat zwischen legal und illegal ist schmal. Denn: Die Sexarbeit ist erlaubt, aber es ist nicht erlaubt, eine Frau dazu zu zwingen oder ihr das verdiente Geld abzunehmen. Einen solchen Zwang festzustellen, ist keine einfache Aufgabe.

Der Kanton Luzern will jetzt den Handel mit Frauen und die sexuelle Ausbeutung dieser Frauen verstärkt bekämpfen. Seit ein paar Jahren sind zwei Polizisten für die Aufklärung von Menschenhandel abgestellt und ein Staatsanwalt, der diese Fälle vor Gericht bringt. Gerade der Strassenstrich ist in Luzern aber sehr gefragt. Der Standort ist ideal für das Geschäft: Direkt bei der Autobahn können Freier ungesehen auf dem Strassenstrich verkehren.

Händler oder «Kollegen»?

Es stehen Autos mit schweizerischen, ungarischen und bulgarischen Kennzeichen am Strassenrand. Im Gegensatz zu den Autos der Freier stehen diese mehrere Stunden da. Drinnen sitzen Männer, die durch die Autoscheiben das Treiben beobachten.

Die Frauen sprechen von «Kollegen», die auf sie aufpassen. Ab und zu geht eine der Frauen auf ein Auto zu, spricht mit den Männern, manchmal steigen die Frauen auch in ihre Wagen ein.

Maulkörbe für die Prostituierten

Ob die sogenannten «Kollegen» nur auf die Frauen aufpassen, oder ob sie ihnen das Geld abnehmen und sie gar zur Prostitution zwingen, ist nicht ersichtlich. Die Bulgarinnen, die an diesem kalten Winterabend um den Heizstrahler stehen, wollen sich nicht dazu äussern.

Nur eine spricht dann doch offen darüber: «Ich muss alles Geld abgeben. Weil ich mir nichts kaufen kann, esse ich nur Brot.» Ausserdem sagt sie, dass sie eine Aufpasserin habe. Während des Gesprächs gesellt sich eine andere Bulgarin zu uns. Sie hat blondierte Haare und ein hysterisches Lachen. Ihre Kollegin sei neu und sie verstehe kein Deutsch - so beendet sie die Unterhaltung.

Besserer Schutz für Sexarbeiterinnen

Durch die Verbote in anderen Kantonen kommen immer mehr Prostituierte nach Luzern und die Stadt gerät in Zugzwang. Ob Luzern die Strassenprostitution einschränken wird, ist zur Zeit offen. Die Stadt prüft eine zeitliche Einschränkung und auch die Erhebung von Gebühren. Derzeit wird ein Gesetz für das ganze Sexgewerbe erarbeitet - das Gesetz soll die Frauen besser schützen, aber auch bessere Kontrollmöglichkeiten bieten.

Heute arbeiten in Luzern nämlich ein Drittel Sexarbeiterinnen illegal, sagt Madeleine Meier von der Justizdirektion. Viele von ihnen dürfen sich in der Schweiz eigentlich nicht prostituieren, weil sie nicht aus dem EU-Raum kommen. Sie können aber kaum kontrolliert werden, weil die Polizei ohne richterliche Anordnung keinen Zutritt zu Studios und Zimmern hat.

In der Zwischenzeit ist es auf dem Strassenstrich 22 Uhr geworden, Autos kommen und gehen, die Frauen am Strassenrand winken den Fahrern zu und sprechen mit ihnen durch die geöffneten Fensterscheiben, wenn sie anhalten. Es ist bitterkalt, die Sexarbeiterinnen auf der Strasse frieren noch immer.

Sendung zu diesem Artikel