Der Fisch – weit mehr als eine Reflexmaschine

Wir brauchen ein neues Bild vom Fisch, fordert Philosophie-Professor Markus Wild. Er beschäftigt sich seit Jahren mit dem Geist von Tieren. Er ist überzeugt: Auch Fische reagieren auf Schmerz – nur anders als wir. Womöglich müssen wir unseren Umgang mit Fischen komplett überdenken.

Ein Fischkopf in Nahaufhanhme.

Bildlegende: Es fällt uns schwer, Fische zu verstehen – trotzdem sollten wir unser Bild überdenken. Keystone

«Fische haben mich zunächst nicht interessiert, weil sie nicht durch grosse intellektuelle Leistungen oder soziales Zusammenleben wie etwa Delphine oder Affen brillieren. Zumindest dachte ich das!», erklärt Markus Wild. Dann wurde er angefragt, ein Gutachten über Fische zu verfassen – von der Eidgenössischen Ethikkommission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich (EKAH).

Der Philosoph wollte zunächst absagen, hat dann aber festgestellt, dass im Fisch mehr steckt: «Fische sind sehr lernfähig, kluge Jäger, haben starke Gedächtnisleistungen und sind fähig Schmerzen zu empfinden. All das gehört zum neuen Bild vom Fisch», so Wild.

No brain, no pain? Unsinn!

Im alten Bild ist der Fisch nur eine Reflexmaschine ohne Bewusstsein: ein Wesen, lediglich mit einem 3-Sekunden-Gedächtnis und einem unbedeutenden Gehirn. Folglich könne der Fisch auch keine Schmerzen empfinden: «No brain, no pain», so die Argumentation. Sie besagt, dass dem Fisch der Neocortex fehlt, der bei Menschen für die Empfindung von Schmerzen notwendig sei.

Wild widerspricht: «Das ist ein Denkfehler. Die Kriterien für die Schmerzempfindung, die für Menschen oder Säugetiere gelten, finden wir auch bei Fischen. Bei Fischen spielt aber natürlich nicht der menschliche Neocortex eine Rolle im Schmerzempfinden, sondern eben ein anderes Areal. Ausserdem findet Schmerz ja nicht nur an einer Stelle des Gehirns statt. Es ist ein ganzer Komplex von Hirnarealen beteiligt, man nennt dies Schmerzmatrix.»

Unbewusste Schmerzen gibt es nicht

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Markus Wild

12 min, aus Aeschbacher vom 3.4.2014

Wer von Schmerzen spricht, muss auch in irgendeiner Form von Bewusstsein sprechen. «Die Rede von unbewussten Schmerzen ergibt keinen Sinn», sagt Wild. Hier kommt das «phänomenale Bewusstsein» ins Spiel. Es bedeutet, dass ein Wesen eine Empfindung verspürt wie beispielsweise einen akuten Oberflächenschmerz. Wird Fischen beispielsweise Essigsäure in die Lippen gespritzt, kann man feststellen, dass sie darauf auf vergleichbare Weise reagieren wie Menschen und andere Säugetiere auch. So kann man beobachten, wie sie ihre Lippen am Boden reiben. Das Tier reagiert auf den Schmerz, es versucht ihn loszuwerden, ihm zu entkommen.

Könnte das Reagieren auf den Schmerz aber auch eine reflexartige Reaktion sein? Hier gilt nach Wild das Analogieargument: «Bei Fischen gelten dieselben Kriterien wie bei anderen Lebewesen. Wir wissen von einigen Lebewesen – etwa von uns – dass sie ein bewusstes Erleben für Schmerzen haben. Wenn wir also vergleichbare Reaktionsmerkmale bei Fischen beobachten, und das tun wir, dann müssen wir ihnen irgendeine Form von Schmerzempfindung zuerkennen », erklärt Wild.

Nicht verstehen, das Wissen reicht

Das Verhalten von Fischen ist uns fremder als das Verhalten von Hunden oder Affen. Es fällt uns schwerer, uns in Fische hineinzuversetzen. Das heisst jedoch nicht, dass sie keine Schmerzen empfinden. Bei der Frage, ob ein Wesen Schmerzen empfindet, zählen Beobachtung, Daten, Untersuchungen und korrekte Schlüsse. Auch sollte man daran denken, dass es aus der Perspektive der Evolution überraschend wäre, wenn Schmerzen plötzlich erst bei Wesen mit kompliziertem Neocortex auftreten würden.

Dabei geht es nicht darum, dass wir das Schmerzempfinden von Fischen nachvollziehen können – das Wissen darum reicht. «Wie genau sich der Schmerz der Forelle anfühlt, das weiss ich nicht, ich weiss nur, dass sie in der Lage ist, Schmerz zu empfinden», sagt Wild.

Die Öffentlichkeit sensibilisieren

Wild ist kein Tierethiker, ihn beschäftigt vor allem die Frage nach den geistigen Fähigkeiten von Tieren. Dennoch hat er seine Ernährung aufgrund seiner Forschungen umgestellt. Wenn Fische Schmerzen empfinden, müssen heikle Themen, wie der Hochsee-Wildfang, das Angeln oder die intensive Fischhaltung in Aquakulturen überdacht werden. «Ich glaube mit dem neuen Bild vom Fisch wird den Leuten noch deutlicher, dass die Überfischung ein Problem ist. Wenn die Leute in diesen Zusammenhängen denken, dann ist eine Sensibilisierung möglich», schlussfolgert Wild.

Zur Person

Markus Wild ist Philosophie-Professor an der Universität Basel und beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit dem Geist der Tiere. Er prägte im deutschsprachigen Raum den Begriff der Tierphilosophie. 2012 hat er ein Gutachten für die Eidgenössische Ethikkommission über das Schmerzempfinden bei Fischen publiziert (hier erhältlich).

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