«Den Jura als Zentrum denken»

Der Jura gilt gemeinhin als Randregion, als Gegend an der Peripherie der Schweiz. Der eben erschienene «Atlas historique du Jura» und sein Herausgeber Clément Crevoisier verändern diesen Blickwinkel grundlegend: Den Jura kann man sich auch als Zentrum denken.

Enge Schlucht, ausgefüllt von Strasse und Schiene und Fluss.

Bildlegende: Enge Schlucht, durch die auch die Strasse und die Schiene führen: die Klus von Moutier. Anaïs Schrameck (aus dem «Atlas historique du Jura»).

Voraussichtlich am 24. November dieses Jahres werden die Stimmberechtigten des Kantons Jura und der drei Berner Jurabezirke Moutier, Courtelary und La Neuveville über ihre territoriale Zukunft abstimmen: Bilden sie gemeinsam einen neuen Kanton? Oder wollen sie alles bei der heutigen Situation belassen?

Die heutigen Grenzen sind das Ergebnis der Geschichte: 1815, nach dem Ende der napoleonischen Zeit, schlug der Wiener Kongress die Gebiete des ehemaligen Fürstbistums Basel dem Kanton Bern zu. 1979 bildete der Norden dieses Territoriums den 23. Kanton der Schweiz, die «République et Canton du Jura», der Süden blieb bei Bern, das Laufental vorerst auch, schloss sich aber 1994 dem Kanton Basel-Landschaft an.

Eine langfristige und historische Perspektive

Clément Crevoisier, der Herausgeber des «Atlas historique du Jura», sieht die Zugehörigkeit dieser «1815er»-Juragebiete in einer längerfristigen, historischen Perspektive: «Jura», das bedeutete in den «Commentarii Belli Gallici» von Julius Caesar den «mons Jura altissimus», das ganze «sehr hohe Juragebirge». Für die Geologen reicht es vom Kanton Genf in einem elegant geschwungenen Bogen bis in den Kanton Zürich. 1790 war «Jura» gar der Name eines französischen Departements. Erst in den 1830er Jahren habe sich «Jura» durchgesetzt als politisch-territorialer Begriff, der den jurassischen und den bernischen Jura bezeichnet, erklärt Crevoisier.

Dies längerfristige Horizont ist eine Chance, die vor wenigen Jahrzehnten höchst aufgeladene Atmosphäre im Jurakonflikt zu entschärfen und sachlicher an dieses Thema heranzugehen. Der in Delémont geborene 38jährige Historiker Crevoisier und seine 16 Mitautorinnen und -autoren wählen, wie es sich für ein wissenschaftliches Werk gehört, einen kühleren, sachlichen Zugang zum Thema.

Inmitten der Globalisierung

Dem Jura-Thema tut es gut, wenn es aus der Polarität «Jura vs. Bern» herausgelöst wird. Das geschieht in diesem historischen Atlas konsequent. Crevoisier sagt auch: «Die Lage der Maschinenfabrik Tornos in Moutier ist vermutlich stärker von der französischen Rolle in Mali abhängig, als von der Zugehörigkeit von Moutier zu Bern oder zum Kanton Jura.» Will heissen: Der Jura lässt sich nicht von der Welt isoliert betrachten.

Landkarte: Bevölkerungsentwicklung in Bern und im Jura: Wachstum fast überall, Abnahme im Jura.

Bildlegende: Bevölkerungsentwicklung im Kanton Bern und im Jura, 1970-80: Grautöne = Bevölkerungsabnahme. Aus dem «Atlas historique du Jura»

Es fällt auch auf, dass die Karten, mit deren Hilfe die Autorinnen und Autoren des «Atlas historique du Jura» Zusammenhänge und Entwicklungen von Demografie, Verkehrsnetz, Wirtschaftsentwicklung veranschaulichen, häufig ein wesentlich grösseres Gebiet als «nur» den Jura erfassen: Im Süden Biel, im Osten Saignelégier, im Norden Belfort, im Osten Basel, das sind die Ecken des jurassischen Rhombus.

Der Jura als Zentrum

«Man kann den Jura als Zentrum begreifen, als Mitte zwischen den städtischen Agglomerationen, die rund um ihn entstanden sind», sagt Crevoisier. Aus diesem Standpunkt spricht Selbstvertrauen. Der Jura ist nicht nur weiterhin das weltweite Zentrum der Uhrenindustrie, er ist wirtschaftlich auf vielfältige Weise mit der näheren und weiteren Umgebung verflochten. Angestellte pendeln aus Belfort zur Arbeit in den Jura, Jurassier fahren zur Arbeit nach Biel oder Basel.

Die jurassischen Dörfer entvölkern sich. Die der Region eigentümliche Form industrieller Kleinstädte wie Moutier, Tavannes, St-Imier, Tramelan oder Delémont ist starken Bevölkerungsschwankungen unterworfen.

Die Weltkonjunkturlage schlägt jeweils schnell und direkt auf den Jura durch. «Das schwärzeste Jahrzehnt waren die siebziger Jahre, mit der Ölkrise und der allgemeinen Krise der Industrie», erläutert Crevoisier.

Gelungene Bildredaktion

Auch über diese Bevölkerungsentwicklungen gibt der elegante und höchst informative «Atlas historique du Jura» Auskunft. Er vermeidet jedes Klischee. Auch im einleitenden Fotoportrait des Juras, das von der Fotografin Anaïs Schrameck stammt. Sie zeigt weder den Wanderjura noch den der Freiberger Weiden mit den obligaten Pferden, sondern neben der wilden Romantik der Klusen und Einzelhöfe vor allem einen teilindustrialisierten, periurbanen, manchmal sogar etwas trostlosen Jura. In der Jurafrage scheint endlich eine Zeit des Realismus und der Sachlichkeit angebrochen. Der Bevölkerung, die in den bewegten Jahren der Kantonsgründung «viel Leid» erfahren habe, so Clément Crevoisier, wäre es zu gönnen.

Buchhinweis

Clément Crevoisier (Hrsg.): «Atlas historique du Jura». Pruntrut: Société d'émulation jurassienne.

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