Das Kriegsgeheul von Dichtern und Denkern im Ersten Weltkrieg

Es gibt haufenweise Bücher über Schützengräben und menschliche Abgründe während des Ersten Weltkriegs. Trotzdem ragt das neue Werk von Ernst Piper heraus: «Nacht über Europa» ist eine Kulturgeschichte des Krieges. Und die zeigt vieles auf, was bislang nur Spezialisten wussten.

Zwei Männer sitzen mit einer Kamera im Schützengraben.

Bildlegende: Deutsche Kriegskinematographen an der Westfront (1917). Wikimedia, Deutsches Bundesarchiv

Eine «Bildungsreise» sei die Arbeit an «Nacht über Europa» für ihn gewesen, sagt Ernst Piper. Vieles, was ihm zuvor nur in groben Zügen bekannt war, habe er vertiefen können. In der Tat zeichnet der Historiker auf knapp 600 Seiten ein weit gespanntes Panorama der europäischen Kulturlandschaft und fördert vieles ans Licht, das höchstens Spezialisten wussten. Im Zentrum seines Buches steht das Geistesleben des Deutschen Reichs, doch Piper richtet seinen Blick auch ausführlich auf andere Staaten, insbesondere auf Österreich-Ungarn, Frankreich, England und die USA.

Kriegerische Aufwallung

Aus heutiger Sicht dürfte erstaunen, wie unzählige Künstler und Intellektuelle im August 1914, nach den Schüssen von Sarajevo und den ersten Kriegserklärungen, plötzlich ihre nationale Ader entdeckten und euphorischem Kriegs-Taumel anheimfielen.

Thomas Mann sitzt über einem Buch am Schreibtisch.

Bildlegende: Thomas Mann verfasste 1918 seine «Betrachtungen eines Unpolitischen», die nicht unpolitisch, sondern Propaganda waren. Wikimedia

Der Kunstsammler, Publizist und Diplomat Harry Graf Kessler (1868–1937) etwa, über den Ernst Piper in seinem neuen Buch auch schreibt: Ein Mann, der vor dem Krieg durch Europa wanderte und international so vielfältig verflochten war, dass er keinen festen Wohnsitz hatte. Dieser Weltbürger stellte sich bei Kriegsbeginn sogleich in den Dienst der deutschen Propaganda. Das taten auch viele Autoren, selbst namhafte wie Thomas Mann oder in Frankreich Henri Bergson, die unverhohlen chauvinistische Texte absonderten. Auf dem Land und in der so genannten «einfachen» Bevölkerung war man hingegen wesentlich skeptischer.

«Je weiter man von der Front entfernt war, desto grösser war die Kriegsbegeisterung», sagt Ernst Piper dazu lakonisch und nennt als Beispiel den Aufruf der deutschen Hochschullehrer von Oktober 1914. 4000 von 5000 Dozenten unterschrieben eine öffentliche Erklärung, in der sie «mit Entrüstung» darauf bestanden, das deutsche Heer, das deutsche Volk und die deutsche Wissenschaft liessen sich nicht auseinanderdividieren. «Das Heil der ganzen Kultur Europas hänge vom Sieg des von den Gegnern so genannten deutschen Militarismus ab», fasst Piper die Haltung und den Ton dieses Aufrufs zusammen.

Propaganda als Waffe

In «Nacht über Europa» räumt Ernst Piper der Propagandamaschinerie der kriegführenden Staaten einen wichtigen Platz ein. Denn der Erste Weltkrieg sei der erste Krieg gewesen, «in dem die Propaganda zu einer veritablen Waffe wurde». Als eine ihrer ersten Kriegshandlungen kappten die Briten die deutschen Transatlantikkabel, so «dass sie in den ersten Kriegswochen fast über ein Nachrichtenmonopol verfügten». Im propagandistischen Ringen waren die Briten überlegen: «Presse und Propaganda zeichneten die Deutschen als Hunnen und Barbaren», schreibt Piper. Zahlreiche bekannte Schriftsteller wirkten an den Schriften des «War Propaganda Bureau» mit. Aber auch Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich spannten die Autoren ein.

Exilland Schweiz

Differenzierte Töne gab es aber auch in Deutschland, besonders unter den Sozialisten und Sozialdemokraten. Nicht wenige Deutsche, und vor allem Elsässer, die aus binationalen Verbindungen stammten, konnten dem Kriegsgeheul nichts abgewinnen und gingen ins Exil, nicht wenige in die Schweiz. Hier seien «die Emigranten Fremde gewesen, die man aber, solange sie sich mit öffentlichen Äusserungen zurückhielten, unbehelligt liess», stellt Ernst Piper fest.

Im Gespräch betont er diese Rolle als Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg, und wie die Schweiz zu dieser Zeit Flüchtlingen begegnete: Im Krieg von 1914–18 sei die Schweiz ein «Rettungshafen» gewesen, eine Zufluchtsstätte für Dissidenten aus vielen Ländern. Er erinnert etwa an die Dadaisten und an deren Nachbar im Zürcher Niederdorf, an Wladimir Iljitsch Lenin.

Panoramablick

Es ist ein breites Spektrum von Themen, die Ernst Piper in seiner Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs behandelt: neben den eben skizzierten etwa das Zerreissen der internationalen Netzwerke in Kunst und Wissenschaft durch die starke nationale Identifikation und die Verherrlichung und Ästhetisierung des Krieges durch Kunstströmungen wie die der Futuristen. Aber auch das schnelle Abflauen der Kriegsbegeisterung, als die versprochenen raschen Erfolge ausblieben und der Krieg in den Schützengräben von Nordfrankreich steckenblieb. Die Lage der jüdischen Minderheiten in Europa bringt Ernst Piper ebenfalls zur Sprache.

«Nacht über Europa» ist ein anregendes Buch über die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, «die die Menschen in eine friedlose Welt entliess», wie der Historiker im Gespräch abschliessend hervorhebt.

Über Ernst Piper

Über Ernst Piper

Geboren 1952 in München, Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam, Verleger und Historiker. Forschungsschwerpunkt: Europäische und Deutsche Kulturgeschichte, insbesondere über Nationalsozialismus, Publikationen u.a. «Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe» (Blessing, 2009).

Literaturhinweis

Ernst Piper: «Nacht über Europa, Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs», Propyläen Verlag, 2013.

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