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Der 1. Weltkrieg Hugo Ball schrieb mit Unsinn an gegen den Kriegswahnsinn

Im Ersten Weltkrieg fanden viele Kriegsgegner in der neutralen Schweiz Zuflucht, darunter auch Schriftsteller. Von hier aus konnten sie weiter mit Worten gegen den Krieg kämpfen. So auch Hugo Ball, der nach einer anfänglichen Kriegs-Euphorie aus dem Exil seine Stimme erhob.

Hugo Ball im Cabaret Voltaire in Zürich.
Legende: Hugo Ball trug Lautgedichte gegen den Krieg vor. Wikimedia

Der Kriegsrausch erfasste unzählige Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle. Menschen, von denen man ein Quäntchen Vernunft erwarten durfte, entpuppten sich plötzlich als vehemente Kriegsenthusiasten. Zuhauf wollten sie in den Krieg ziehen, um ihrer «Vaterlandsliebe» Ausdruck zu geben. Unter ihnen befand sich auch der Dichter und Dramaturg Hugo Ball. Noch wenige Tage vor der Kriegserklärung Anfang August 1914 war er als Deutscher stolz, dass er in seinem Theater radikale Maler ausstellte, «hauptsächlich Franzosen und Russen».

Keine zehn Tage später meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, um gegen Franzosen und Russen zu kämpfen, doch die Armee wollte ihn nicht. Dreimal wurde er abgewiesen wegen Herzproblemen. Schliesslich nahm er einen Augenschein als «Kriegstourist» – und seine Kriegbegeisterung schwand. Von der belgischen Front schrieb er, die Welt befände sich im Bann eines teuflischen Wahnsinns. Der Inhalt seiner Gedichte wurde radikaler, der Ton unerbittlicher. Es war nur logisch, dass Ball alsbald nach Zürich zog.

Zürich und Genf: Begehrte Fluchtburgen

In der neutralen Schweiz fanden viele Kriegsgegner Zuflucht. Im Gegensatz zur Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs waren die Grenzen durchlässig und eine Niederlassung praktisch ohne Hindernisse möglich. Ab 1915 wurden zwar verstärkt Kontrollen eingeführt, aber erst ab November 1917 mussten die Einreisewilligen ein Visum vorlegen. Insbesondere Zürich und Genf wurden zu begehrten Fluchtburgen.

Hier fanden die Emigranten zwar nicht das Paradies – sie standen im Gegenteil unter scharfer Beobachtung der Behörden und lebten häufig an der Armutsgrenze –, aber sie konnten vom Rede- und Publikationsrecht Gebrauch machen, das in den Krieg führenden Ländern durch die Zensur eingeschränkt war. Ihre Appelle für den Frieden stiessen jedoch nicht nur im Ausland auf Empörung, sondern verleiteten auch manche Schweizer, sie des Verrats zu bezichtigen. Die Schweiz war nämlich offiziell neutral, jedoch den Sprachgrenzen entlang gespalten: Die Deutschschweiz orientierte sich eher an den Mittelmächten, während die französischsprachige Schweiz mehrheitlich zur Entente blickte.

Romain Rollands Aufruf zur Verantwortung

Einen Appell über die Sprachgrenzen hinweg lancierte der französische Schriftsteller und Kulturhistoriker Romain Rolland einen Monat nach Kriegsbeginn. Ihn hatte der Krieg in Genf überrascht, auch wenn er die Katastrophe hatte kommen sehen. Am 1. September veröffentlichte er seinen «Offenen Brief an Gerhart Hauptmann», in dem er die deutsche geistige Elite dazu aufrief, ihre Verantwortung wahrzunehmen und gegen den Krieg Stellung zu beziehen.

Der Aufruf stiess sowohl bei den Franzosen wie bei den Deutschen auf heftige Ablehnung. Noch mehr erbitterte Feinde machte er sich mit seinem Artikel «Au-dessus de la mêlée» (dt. «Über dem Schlachtgetümmel»), in dem er den Imperialismus als Kriegsursache definierte und weitsichtig vor einem Rachefeldzug der Besiegten gegen die Sieger warnte. In der Deutschschweiz wurde der Artikel nur auszugsweise veröffentlicht.

Lautgedichte gegen den Krieg

Während sich Rolland für seine Kriegsverneinung konventioneller Mittel wie Zeitschriften und Aufrufen bediente, ging Ball unkonventionellere Wege. Im Februar 1916 gründete er zusammen mit anderen Emigranten das Cabaret Voltaire, das später als Wiege des Dadaismus in die Annalen eingehen sollte. Dort trug er erstmals seine Lautgedichte vor, für die er keine existierenden Wörter mehr benutzte, sondern selbst geschaffene Klänge wie «ombula take biti solunkola tabla tokta tokta takabla taka tak...» Dieser vordergründig absurd klingende Anfang seiner «Totenklage» entwickelte im Kontext des Kriegs einen unheimlichen Sinn. Nur wenige wussten ihn zu verstehen.

Literaturhinweis

  • Billeter, Nicole: «Worte machen gegen die Schändung des Geistes. Kriegsansichten von Literaten in der Schweizer Emigration 1914/1918», Peter Lang Verlag, 2005.
  • Buelens, Geert: «Europas Dichter und der Erste Weltkrieg», Suhrkamp, 2014.

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