Schweizer Musik im Ersten Weltkrieg: Tagebücher einer Epoche

Klingt im Liedschaffen der Generation vor 1914 die Zeitstimmung an? Und wenn ja – wie war sie? Drei Schweizer liessen mit ihren Liedern damals aufhorchen: der Starpianist Emil Frey, der junge Bohémien Othmar Schoeck und der Aussenseiter Marcel Sulzberger. Sie wählten das Lied als Experimentierfeld.

Die Probe eines Orchesters, schwarz/weiss.

Bildlegende: Die Musik einzelner kann Sinnbild für eine ganze Generation sein. Imago

Um 1913, als er seinen «Le chant du cygne» als eines von drei Liedern des op.15 veröffentlicht, zählt der Schweizer Pianist Emil Frey zur internationalen Spitze. Bereits mit 23 Jahren ist er als Professor ans berühmte Moskauer Konservatorium berufen worden. Und er komponiert. Im französisch inspirierten «Schwanen-Gesang» malt er eine düstere Stimmung und schlägt gewagte Harmonien an.

Das letzte Lied des Schwans, der erst im Augenblick zu singen anhebt, als er den Tod spürt, ist ein beliebtes Motiv der Romantik. «Das Leben erreicht am Ende, im Moment des Sterbens und des Singens – in der Kunst! – seinen Höhepunkt», erläutert der Komponist und Pianist Edward Rushton. Er hat Musik von Frey und seinen Schweizer Zeitgenossen wieder aufgespürt.

Mehr Aufbruch- als Weltuntergangsstimmung

Wenn Emil Frey das Thema der Kunst zwischen Leben und Tod für sein Lied auswählt, macht es den Anschein, als wollte er eine dunkle Vorahnung des grossen Kriegs in Musik fassen. Im Moment, da im Lied vom Tod die Rede ist, tauchen im Klavierpart tiefe, harmoniefremde Töne auf, die wie ein Gong die düstere Stimmung grundieren. Doch daraus auf Freys Kriegsangst oder schlimme Erwartungen zu schliessen, wäre verfehlt. Mindestens ebenso wichtig war es dem jungen Komponisten, in der musikalischen Textausdeutung auch das Neue, Unerhörte auszuprobieren.

Andere Zeitgenossen gehen noch viel weiter als Emil Frey. Othmar Schoeck verwendet dissonante Akkorde, die wie Klangtrauben den «Unmut» akzentuieren, wenn er das entsprechende Gedicht aus Goethes West-östlichem Divan vertont. Frustration angesichts der blockierten Karriere und das Entsetzen über die Zeitläufe artikulieren sich bei Schoeck im wilden Zugriff auf die Tastatur.

Othmar Schoeck, der moderne Bürgerschreck

Kein feinsinniger Lyrik-Interpret und Stimmungszauberer tritt hier auf. Schoeck gibt sich als Sarkastiker und Bürgerschreck. Eine Rolle, die der Hotelier-Sohn und Bohémien nur selten spielen mochte. Dennoch war er dazu fähig. Seine furiosen «Trommelschläge» von 1916 sind ein Aufschrei gegen den Horror des Weltkriegs: ein zwar kurzes, aber riesenhaft besetztes Werk für Chor und grosses Orchester in Mahlerschen Dimensionen.

Das schwarz-weisse Porträt eines älteren Mannes, der nachdenklich den Kopf auf die Hand gestützt hat.

Bildlegende: Othmar Schoeck (1886-1957), der Bohémien, konnte sich als Dirigent in St. Gallen in bürgerlichen Kreisen etablieren. Keystone

Ein Kritiker aus der Romandie bezeichnete die «Trommelschläge» nach dem Krieg als «musique boche» – teutonische Musik. Tatsächlich, sagt der Schoeck-Biograf Chris Walton, seien die «Trommelschläge» Schoecks vermutlich modernstes Werk. Während anderswo in Zürich die Dadaisten ihre radikalen Manifeste und antibürgerlichen Kunstaktionen planten, konnte sich Othmar Schoeck ab 1917 nämlich bürgerlich etablieren. Er trat die Dirigentenstelle in St.Gallen an und konnte auch seine Opernpläne vorantreiben.

Ein Star im Exil: Ferruccio Busoni und sein Freundeskreis als Inspiration

Anregung für Opernprojekte bekam Schoeck von einem Kollegen, der in die Schweiz emigriert war, um dem Krieg auszuweichen. Ferruccio Busoni begann in Zürich seine unvollendet gebliebene Faust-Oper. Der berühmte Musiker im Exil wurde zum Mittelpunkt eines Freundeskreises, zu dem Schriftsteller wie Franz Werfel und Stefan Zweig und natürlich viele Musiker zählten, unter ihnen auch Marcel Sulzberger.

Der geniale und verschrobene Sulzberger (1876-1941) hatte Sanskrit, alte Sprachen und Philosophie studiert, bevor er eine Musikerlaufbahn einschlug. Er trat als Pianist auf und suchte auch den Kontakt zu Claude Debussy in Paris. Einmal spielte er sogar bei den Dadaisten im Cabaret Voltaire.

Der verkannte Avantgardist: Marcel Sulzberger

Das Porträt eines mittelalten Mannes, der in die Weite blickt.

Bildlegende: Marcel Sulzberger (1876-1941): Der Komponist und Pianist spielte auch bei den Dadaisten im Zürcher Cabaret Voltaire. Zentralbibliothek Zürich

Der Nachlass von Marcel Sulzberger liegt heute in der Zentralbibliothek Zürich. Er enthält hochinteressante Kompositionen, in denen Sulzberger schon um 1910 die Grenzen der tonal gebundenen Schreibweise überschreitet. Der Aussenseiter in Zürich wagte sich (eventuell schon vor dem Wiener Arnold Schönberg) in musikalisches Neuland vor, wohin ihm zu Lebzeiten praktisch niemand folgte: Publikum und Kritik regierten mit Unverständnis und Ablehnung.

Nach dem Kriegsende und Busonis Wegzug aus Zürich verstummte Sulzberger bald als Komponist. Finanziell schlecht gestellt und vergessen, schlug er sich als gelegentlicher Musikkritiker und Klavierlehrer durch und starb 1941 in Zürich. Mit seinen wagemutigen Liedern und Kammermusik-Kompositionen steht er aber exemplarisch stehen für seine Generation.

Was sich im Rückblick manchmal als Schwanengesang oder düstere Prophezeiung ausnimmt, das weist beim genaueren Hinhören auf eine Generation, die sich 1914 künstlerisch im Aufbruch befand. Ein Aufbruch in eine Moderne, deren junge Vordenker nur allzu oft den Krieg nicht überleben sollten.

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