Sechs Schriftsteller, die im Ersten Weltkrieg mit Worten kämpften

Kriegspoesie war zum grössten Teil Ausdruck eines gewaltigen Schocks: Die Schriftsteller versuchten durch Worte ihre Sprachlosigkeit zu überwinden. Aber es gab auch Autoren, die Kriegspropaganda schrieben, Lieder auf den Heldentod sangen. Ein Überblick über Kriegsliteratur von Heym bis Trakl.

Porträt.

Bildlegende: In Georg Heyms Gedicht «Der Krieg» von 1911 fungiert der mythologische Höllenhund Kerberos als Kriegssprachrohr. Wikimedia

Einer der ersten Kriegspropagandadichter des Ersten Weltkriegs war Georg Heym. Bereits 1911 schrieb er sein Gedicht mit dem lapidaren Titel «Der Krieg». Darin ruft Kerberos, der Höllenhund, alle Soldaten zum Kriegsdienst auf. Heyms Ton klingt dabei nach Kriegshetze.

Lobgedichte auf den Krieg schrieb auch der Franzose Charles Péguy. Er hat 1913 in einem Versepos den Begriff des «gerechten Kriegs» ins Spiel gebracht. Ein gerechter Soldat, so Péguy, sei einer, der bedingungslos für sein Land kämpfe. Denn «selig sind die, die für ein irdisch Land gefallen.»

Das grosse Klagelied

Die Mehrheit der poetischen Werke über den Ersten Weltkrieg sind aber Zeugnisse des gewaltigen Schocks, den ihre Autoren im Krieg erlitten haben. Die Poesie wird der Macht der Todesangst entgegengehalten. Von Georg Trakl bis zum berühmtesten «War Poet» Wilfred Owen kämpften Soldatendichter berührend mit nichts als Worten gegen den Wahnwitz des Krieges. Viele Kriegspoeten waren zudem Soldaten und der Krieg kostete sie in vielen Fällen direkt oder indirekt das Leben.

Sechs Autoren und ihre Kriegsliteratur

    • Georg Heym: Der Krieg (1913)

      Georg Heym: «Der Krieg» (1913)

      Der Expressionist Heym hat bereits 1911 das unvollendete Gedicht «Der Krieg» begonnen. Als Kriegssprachrohr fungiert Kerberos, der mythologische Höllenhund. «Ihr Krieger alle, auf und an, ...» schreit dieses blutrünstige Schreckgespenst. An seinem Hals hat der animalische Kriegstreiber eine Kette aus unzähligen Totenschädeln hängen, die wie Schellen ertönen. Kann man diesen todeswütigen Furor dem Autor anlasten? Wieviel ist der poetischen Überhöhung geschuldet? Der angeschlagene Ton ist nichts als schrecklich.

      2:01 min, aus Kultur kompakt vom 25.08.2014

    • Charles Péguy: Eve (1913)

      Charles Péguy: «Eve» (1913)

      Péguy hat den Heldentod im Schützengraben ins Feld geführt. 1913, ein Jahr vor Kriegsausbruch, hat Péguy ein fast 8'000 Verse umfassendes Monstergedicht mit dem Titel «Eve» verfasst. Darin heisst es: «Selig, die im gerechten Krieg gefallen. Selig das reife Korn, der Ernte Aehren.» Die Heldentoten als Frucht des Feldes. Haarsträubend. Man mag es sich gar nicht vorstellen. Leutnant Charles Péguy – dies ist die bittere Ironie des Schicksals – fiel 1914 durch einen feindlichen Kopfschuss.

      2:16 min, aus Kultur kompakt vom 25.08.2014

    • Georg Trakl: Grodek (1914)

      Georg Trakl: «Grodek» (1914)

      Im ersten Kriegsjahr meldete sich der Österreicher Trakl als Freiwilliger zum Kriegsdienst in der kaiserlich und königlichen Armee (k.u.k.) Er hatte in der Schlacht bei Grodek fast 100 Schwerverwundete zu versorgen. Trakl erlitt in der Folge einen Nervenzusammenbruch und verstarb noch im selben Jahr in einem Militärhospital. In seinem Gedicht «Grodek» «umfängt die Nacht sterbende Krieger, die wilde Klage ihrer zerbrochenen Münder.» Man kann dies als unmittelbare Reaktion lesen auf die traumatische Erfahrung, die der tragische Dichter in dieser besonders grausamen Schlacht erlitten hat.

      1:11 min, aus Kultur kompakt vom 25.08.2014

    • Karl Stamm: Jahreswende 1914/15 – anlässlich der Sylvesterfeier des Bataillon 70/2

      Karl Stamm: «Jahreswende» 1914/15

      «Auf Europas kampfdurchtobte Felder senkt sich schwer des Jahres letzte Nacht. Dumpfe Glocken sind die Totenmelder ...» dichtet der Lehrer und Schweizer Grenzsoldat Karl Stamm am letzten Tag des Jahres 1914. Sein Gedicht ist ein Alptraum. Eine Vision über einen Monsterleichnam, der sinnbildlich die Kriegsopfer verkörpert. Der Autor schleudert uns den Schmerz in seinem Erzählgedicht als bohrende Fragen entgegen: «Wer machte ganze Völker denn zum Tier? Woher das Elend? Und woher die Not?» Stamm erkrankte, wurde 1917 aus der Armee entlassen und starb kurz nach Kriegsende im Alter von nur 29 Jahren.

      1:58 min, aus Kultur kompakt vom 25.08.2014

    • Wilfred Owen: Dulce et decorum est (1917)

      Wilfred Owen: «Dulce et decorum est» (1917)

      Der Engländer Wilfred Owen war vielleicht der bedeutendste Kriegsdichter. Er gehörte zu einer Gruppe von Autoren, die als «War Poets» bezeichnet werden. Owen trat 1915 freiwillig in die britische Armee ein, wo er es zum Offizier brachte. Er war in Frankreich tagelang verschüttet. Owen fiel eine Woche vor Kriegsende 1918 im Kampf gegen die Deutschen. Brutal und schonungslos fordert uns Owen in seinem Gedicht dazu auf, wenigstens einmal in einem – wie es heisst «würgenden Traum» – einem bei einem Gasangriff vergifteten Soldaten beim Todeskampf ins Gesicht zu schauen. Dieses Gedicht ist mitunter eines der stärksten literarischen Zeugnisse vom Krieg. Und es führt die alte Lüge vom Heldentod definitiv ad absurdum.

      2:15 min, aus Kultur kompakt vom 25.08.2014

    • Miroslav Krleža : Das Gedicht für einen Toten (1919)

      Miroslav Krleža: «Das Gedicht für einen Toten» (1919)

      Nach Kriegsende gab es noch Nachhall von Kriegslyrik. Der Kroate Miroslav Krleža hält als Überlebender und ehemaliger Soldat Rückschau. Krležas Kriegslyrik ist auch der Zeit geschuldeter Expressivität verpflichtet. Er schrieb eine Art Grabinschrift für einen gefallenen Freund in Gedichtform. Im Zimmer des Toten brennt zwar noch eine Kerze. Aber dann heisst es: «... du bist nicht da. In deinem grauen Rock des österreichischen Offiziers tratest du schon vor den Richterstuhl des Herrn.» Dieses jüngste Gericht wird im Gedicht nochmals evoziert. Der tote Soldat verkörpert sozusagen den Untergang des Habsburgerreichs. So verschmilzt die Kriegszeit mit der Gegenwart, die sich durch den Waffengang verändert hat. Bei Krleža ist der gesamteuropäische Hintergrund präsent. Das war für die damalige Zeit beachtlich.

      1:04 min, aus Kultur kompakt vom 25.08.2014