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Der 1. Weltkrieg Vor hundert Jahren erblühte die neue Natürlichkeit

In den Jahren rund um den Ersten Weltkrieg bilden sich in Europa zahlreiche Reformbewegungen. In den verschiedensten Lebensbereichen. Was sie verbindet: Widerstand gegen eine zunehmend technisierte, verstädterte, von der Natur entfremdete Welt. Die mache krank, war man überzeugt.

Sieben Frauen in weiten, farbigen Kleidern, tanzen im Wald
Legende: Der Ausdruckstanz verstand sich als Kunstform zur Befreiung von Körper und Geist. Keystone

Lebensreformbewegungen im Umfeld des Ersten Weltkriegs

  • Reform der Bewegung: Ausdruckstanz

    Um 1900 finden sich auf dem Monte Verità oberhalb von Ascona reformfreudige Bohemiens und Künstler jeglicher Couleur. Darunter der Künstler und Tänzer Rudolf von Laban: Er eröffnet im Tessin eine Tanzschule und läutet damit auch in der Schweiz ein neues Kapitel Tanzgeschichte ein. Der moderne Tanz, auch Ausdruckstanz genannt, versteht sich als eine umfassende Kunstform zur Befreiung von Körper und Geist.

  • Reform der Ernährung: Birchermüesli

    Konservendosen, Fleischextrakt, Bouillonwürfel: Was Anfang des 20. Jahrhunderts weitherum als grosse Errungenschaften der Lebensmittelindustrie gefeiert wird, ist in den Augen vieler Reformmediziner die Hauptursache vieler Krankheiten. Sie propagieren Gemüse statt Fleisch und Rohes statt Gekochtes. Der bekannteste von ihnen: Maximilian Bircher-Benner. Sein Müesli steht heute weltweit auf dem Zmorgetisch.

  • Mann und Frau nackt laufen mit Hund auf grüner Wiese, der Rücken zur Kamera.
    Legende: Im 19. Jahrhundert wurde in Deutschland die FKK-Bewegung gegründet. Reuters

    Reform der Körperlichkeit: FKK

    Die Zivilisation macht krank: Aus dieser Überzeugung entsteht 1893 im deutschen Ruhrgebiet, in stark industrialisierter Zone also, der erste FKK-Verein Europas; 40 Jahre später wird am Neuenburgersee die Schweizerische Naturistenbewegung gegründet. Die Anhänger der Freikörperkultur, die an Sonne, Luft und Licht drängen, haben aber nicht nur ein gesundheitliches Anliegen, sondern auch ein klassenkämpferisches: Nur nackt sind alle Menschen gleich.

  • Reform des Wohnungsbaus: Gartenstädte

    Nach dem Ersten Weltkrieg sind die Wohn- und Lebensverhältnisse der «kleinen Leute» prekär – auch in der Schweiz. Erschwingliche Wohnungen sind rar, hochwertige Nahrungsmittel erst recht. Um die Missstände zu bekämpfen, werden vielerorts genossenschaftliche Gartensiedlungen gebaut. Die bedeutendste Gartenstadt-Siedlung der Schweiz ist das Freidorf in Muttenz bei Basel. Sie gehört heute zum Inventar schützenswerter Ortsbilder und ist noch immer begehrter Wohnraum.

  • Reform der Kunst: Dadaismus

    Die Künstler rund um Hugo Ball, Emmy Hennings, Hans Arp und Sophie Täuber, allesamt überzeugte Pazifisten, präsentieren mit ihren kriegskritischen Lautgedichten («Gadji beri bimba») radikale Antikunst und Rebellion gegen jede Konvention. Auch gegen die Sprache, denn die ist von der Kriegspropaganda völlig korrumpiert. Das von ihnen 1916 gegründete Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse in Zürich gibt es heute noch.

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