Was sich Menschen von der Seele schrieben

100 Jahre schlummerten Tagebücher in Privatbesitz oder Archiven. Bis Lisbeth Exner und Herbert Kapfer sie sichteten. Aus 240 Büchern haben sie einen vielstimmigen Chor der Zeit zwischen 1914 und 1917 komponiert. In «Verborgene Chronik» berichten Soldaten, Ehefrauen, Kindern oder Feldpredigern.

Zwei Seiten handgeschrieben aus einem Tagebuch

Bildlegende: Tagebuch von Paul Radtke aus Hamborn, nahe Duisburg. Er war nicht an der Front, beschrieb aber den Krieg 1914–1920. Europeana/Paul Radtke

«Verborgene Chronik» ist eine Textcollage, ein kollektives Tagebuch aus dem Krieg: Soldaten, Ehefrauen, Alte, Kinder, und Arbeiter berichten aus ihrem Alltag, genauso wie Männer an der Front, Sanitäter und Feldprediger – und viele Daheimgebliebene.

«Feindliche Artillerie schoss andauernd. Füsse ziemlich kalt. Mit Zeltbahn bedeckt, am Unterstand geschlafen. Wird mit einem Mal beim Essen gesagt, dass ich auf einem toten Kameraden sitze, welcher mit Reisern bedeckt», schreibt der Soldat Otto Gehrke am 29.9.1914 bei Moronvilliers in Frankreich.

Kein Bruder mehr

«Gestern Abend war ich allein zu Haus. Ich sass im Erker. Die Sonne ging gerade unter. Ich dachte an den Jungen. Gestern Morgen ist er ausgerückt. Ob er das Abendrot wohl schon in Belgien glänzen sieht?» So ist die 14-jährige Milly Haake am 30. November 1914 in Hamm in Gedanken bei ihrem Bruder Wilhelm, der einberufen war. Einen Monat später wird sie berichten: «Es ist bestimmt in Gottes Rat, das (sic) man vom Liebsten, was man hat, muss scheiden. Unser Junge tot! Unmöglich! Und doch! Kein Bruder mehr.»

Die Publizistin Lisbeth Exner und der Journalist Herbert Kapfer haben im Deutschen Tagebucharchiv in Emmendingen bei Freiburg im Breisgau zahlreiche Tagebücher gesichtet und daraus – wie Walter Kempowski über den Zweiten Weltkrieg – einen vielstimmigen Chor komponiert. Anders als der Autor der «Deutschen Chronik» berücksichtigen sie aber ausschliesslich Tagebuchaufzeichnungen aus Deutschland. Und anders als er verzichten sie auf Texte von Prominenten und auf veröffentlichte Materialien.

Trauer und vaterländische Freude

Exner und Kapfer haben diese Aufzeichnungen zu einem reichhaltigen Konglomerat von persönlichen Äusserungen verwoben, zu einem facettenreichen Text mit eigenen Rhythmus. Sie montieren kürzere und längere Berichte aneinander und ordnen sie stets chronologisch. Immer ist der Ton der Einträge subjektiv und in Inhalt und Form natürlich nicht losgelöst von Propaganda und zensierter Kriegsberichterstattung. Frontberichte stehen neben bangen Gedanken an die Lieben zuhause oder im Felde, Trauer wechselt sich ab mit vaterländischer Freude:

«Antwerpen gefallen! Es ist herrlich!!! Endlich läuten die Glocken mal wieder einen Sieg! Die belgische Regierung ist nach Frankreich geflüchtet. Wir haben auch Gent und Lille besetzt. Na, es ist wundervoll!!!» (Hilde Grapow, Kassel, 16. Oktober 1914).

Grossaufnahme des Alltags

Es sind Dokumente des Alltags, die in diesem ersten von drei Bänden der «Verborgenen Chronik» versammelt sind. Sie ermöglichen es, nah ans Erleben der Grosseltern- und Urgrosselterngeneration unseres nördlichen Nachbarlandes heranzukommen und in ihr Inneres zu schauen. Jenseits der militärisch-politischen Lage erfährt man auf diesen knapp 400 Seiten, was die Menschen des Ersten Weltkriegs in ihrem privaten Empfinden umtrieb.

Die Beschränkung der Herausgeberin und des Herausgebers auf den deutschen Blickwinkel ist dabei kein Makel. Denn Tagebücher und private Briefe dürften in allen kriegführenden Ländern von sehr ähnlichen Freuden und vor allem von Sorgen und Nöten berichtet haben.