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Gesellschaft & Religion Der Abgang des Philosophen von Canterbury

Rowan Williams bleibt als Theologe und Vordenker ein Vorbild. Doch die Krisen der anglikanischen Staatskirche und Weltgemeinschaft haben die Nerven blank gelegt: Doktrinäre Flügelkämpfe bedrohen die sprichwörtliche Gelassenheit.

Rowan Williams vor einem Kirchenportal in kardinalsroter Kutte und grossem goldenen Kreuz um den Hals.
Legende: Rowan Williams war der erste Waliser auf dem Thron des Erzbischofs von Canterbury. Keystone

Die Church of England, die Staatskirche Englands, ist formell eine protestantisch-reformierte Kirche. Sie erlaubt aber ihren Gläubigen aussergewöhnliche Freiheiten. Sowohl in ihren Glaubensinhalten, als auch bei der Liturgie und den Ritualen ist die Spannweite deshalb enorm gross. In jüngerer Zeit haben sich aber innerhalb der Gemeinschaft immer mehr dogmatische Überzeugungen gebildet.

Anglo-Katholiken versus Evangelikale

Auf der einen Seite stehen die Angehörigen der so genannten «High Church». Sie werden auch als Anglo-Katholiken bezeichnet und lieben aufwendige, von anspruchsvoller Musik begleitete Rituale, die meist altmodischer sind als die gültige Messe der römisch-katholischen Kirche.

Auf dem anderen Flügel tummeln sich die Evangelikalen. Sie legen viel Wert auf den Bibeltext, den sie gelegentlich buchstäblich interpretieren. Persönliche Erweckungserfahrungen sind ihnen wichtig, kollektive Rituale hingegen weniger. Ihre Gottesdienste und ihre Kirchen sind schlicht.

Dazwischen liegt die breite, oftmals stumme Mitte, die vermutlich immer noch die Mehrheit stellt.

Einheit über alles

Während der Amtszeit von Rowan Williams verkrallten sich diese verschiedenen Strömungen der Kirche oft in einander. Wobei die diversen Konservativen bisweilen auch gemeinsame Sache machten. So lehnte die Synode der Church of England im November die Gesetzgebung zur Beförderung von Priesterinnen zu Bischöfinnen knapp ab. Entscheidend waren dabei die Stimmen der Laien-Delegierten, die sich weitgehend aus den Reihen der Evangelikalen rekrutierten.

Für den scheidenden Rowan Williams, der sein Amt zum Jahreswechsel an Justin Welby übergibt, stellte diese Entscheidung eine herbe Enttäuschung dar. Er hatte seine eigenen, anglo-katholisch gefärbten Ansichten stets zurückgestellt, um die Einheit der Kirche um jeden Preis zu bewahren. Das wurde ihm schlecht vergolten.

Brüchige Weltgemeinschaft

Ähnlich erging es seinen Bemühungen um eine Annäherung an die römisch-katholische Kirche: Papst Benedikt XVI. gründete provokativ ein eigenes Ordinariat für anglikanische Priester und Bischöfe – eine Art von Reservat für Konvertiten. Die Resonanz blieb bescheiden, aber das aggressive Auftreten des Vatikans schadete Williams.

Rund 80 Millionen Gläubige gehören weltweit zu anglikanischen Kirchen. Die englische Kirche macht inzwischen weniger als ein Drittel dieses Bestandes aus. Der Erzbischof von Canterbury ist zwar das titulare Oberhaupt der gesamten Kirche, aber er verfügt – im Gegensatz zum Papst – über keine Zwangsgewalt.

Die Kirchen in Afrika, Australien und Südamerika steuern seit längerem ihren eigenen Kurs. Sie wenden sich besonders vehement gegen homosexuelle Priester und Bischöfe. Auch hier versuchte Rowan Williams, den Anschein der Einheit zu wahren, aber die «Anglican Communion», die Kirchgengemeinschaft die evangelische und katholische Glaubenselemente vereinigt, besteht inzwischen eigentlich nur noch auf dem Papier.

Eine neue Ehe

Eben erst hat die konservativ-liberale britische Regierung einen Gesetzesentwurf vorgelegt, der die kirchliche Trauung gleichgeschlechtlicher Paare erlauben soll. Das Projekt stösst namentlich innerhalb der konservativen Partei auf grossen Widerstand. Die Reform bildet einen wichtigen Bestandteil des Projektes von Premierminister David Cameron, seine Partei zu «dekontaminieren» – die Tories sollen von ihren reaktionären Altlasten befreit werden.

Doch perverserweise verbietet der Gesetzesentwurf den anglikanischen Kirchen in England und Wales, derartige Trauungen durchzuführen. Alle anderen Glaubensgemeinschaften dürfen gleichgeschlechtliche Paare trauen, sofern sie es denn wünschen. Das eigenartige Verbot für die Anglikaner wird mit dem Status der Church of England als Staatskirche begründet: Kirchenrecht ist in England automatisch auch Landesrecht.

Die (gesetzlich erlaubte) Weigerung einiger Priester, gleichgeschlechtliche Paare kirchlich zu trauen, würde die Kirche dem Risiko aussetzen, in Strassburg wegen eines Verstosses gegen die Menschenrechte angeklagt zu werden. Diese Gefahr soll mit dem absoluten Verbot gebannt werden – sofern es denn dabei bleibt.

Besorgnis um Toleranz

Der zunehmend schrille Umgangston der Anglikaner untereinander weckt immer grössere Besorgnis unter liberalen, gemässigten Gläubigen. Sie verweisen darauf, dass die breite Church of England ungeeignet sei für dogmatische Haarspaltereien. Aber es werde – namentlich auf dem erstarkenden evangelikalen Flügel – unübersehbar, dass der Wunsch nach einer Vereinheitlichung der Glaubensinhalte stärker werde.

Damit würde die Church of England aber ihren bisher gültigen Charakter verlieren. So ist ein eigenartiges, eigenwilliges Gebilde bedroht. Die bisherige Breite der anglikanischen Kirche bildete wohl die besten Werte und Eigenschaften der englischen Gesellschaft ab, einer immer ungläubigeren Gesellschaft, die auf der Suche nach ihrer Identität ist. Sie könnte beim Studium ihrer Kirche überraschend fündig werden.