Dok-Film über Karl Barth Der bedeutendste Schweizer Dogmatiker war kein Heiliger

Bis heute pilgern Studierende aus Korea, den USA und Deutschland ans Grab des bedeutendsten Schweizer Dogmatikers in Basel. Doch da liegt er nicht alleine.

Ein Porträt von Karl Barth. Er sitzt am Tisch und schreibt etwas auf Papier.

Bildlegende: Predigte lieber im Gefängnis als im bürgerlichen Basler Münster: Theologe Karl Barth. Getty Images

Wer Karl Barths Grab auf dem Friedhof Hörnli bei Basel aufsucht, reibt sich die Augen. Auf seinem schlichten Grabstein steht auch der Name «Charlotte von Kirschbaum».

Zu Lebzeiten des berühmtesten reformierten Theologen der Welt war es Tabu, über Karl Barths ménage à trois zu sprechen. Alle wussten aber, dass «das Fräulein Doktor» nicht nur Barths kongeniale Assistentin und Mitautorin war.

Die deutsche Theologin lebte jahrzehntelang mit im Haushalt Barth. Sie begrüsste die Gäste. Und die Briefe der beiden offenbaren eine tiefe Liebesbeziehung.

Eine schwierige, aber produktive Beziehung

Ehefrau Nelly Barth musste das aushalten. Für die fünffache Mutter kamen Scheidung und Standesverlust nicht infrage.

Barth hat den grossen intellektuellen Anteil Charlotte von Kirschbaums an seiner Arbeit offen verdankt. Sein Mammutwerk, die «Kirchliche Dogmatik» zählt über 9000 Seiten, 31 Bände und wiegt als Taschenbuch 20 Kilogramm.

In den letzten Jahren aber kamen diverse kirchliche Dogmatiken ins Brockenhaus. Viele Pfarrerinnen und Pfarrer hatten Barth im Studium geradezu inhaliert. Die Generation Barth hat nun die Pfarrhäuser geräumt und ist im Ruhestand.

Neuer, kraftvoller Predigt-Stil

Die Enkel haben sich von einigen Thesen Barths schon wieder verabschiedet, von seiner Rigorosität ebenso wie von seiner rüden Ablehnung jeglicher «Religion».

Aber in den 1930er-Jahren bis weit in die 60er inspirierte Barth einen neuen, kraftvollen Predigt-Stil. Barth kam genau zur rechten Zeit. Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust waren eine Bankrotterklärung für die christliche Theologie und Kirche.

Barth aber riss mit. Er sprach die Menschen im Kern ihrer Existenz an. So predigte er auch lieber im Gefängnis als im bürgerlichen Basler Münster.

Das christliche Credo gegen die Nazis

Präsent bleibt Karl Barth bis heute in so mancher Kirchenverfassung. Darin findet sich die Barmer Theologische Erklärung von 1934. Diese hatte er noch als Theologieprofessor in Deutschland verfasst.

Die Barmer Erklärung war das christliche Credo gegen die Nazis. Ein «Nein» zu jeder «völkischen» oder staatshörigen Theologie.

Barth, eine «moralische Instanz seiner Zeit»

Dem alleinigen Bekenntnis zu Christus opferte Karl Barth auch seinen Lehrstuhl in Bonn. Er lehnte den Beamteneid auf Hitler ab und musste zurück in die Schweiz. Nach dem Zusammenbruch 1945 wurde das Barmer Bekenntnis Grundlage für die Erneuerung der evangelischen Kirchen weltweit. Das bleibt Karl Barth zu verdanken. Für immer.

Barth war eine «moralische Instanz seiner Zeit», sagt Filmemacher Peter Reichenbach. Von der Schweiz aus kritisierte Barth nämlich weiter Hitler. Und beständig erhob der Theologe seine Stimme für Flüchtlinge.

Das machte ihn unbeliebt bei Schweizer Behörden, die ihn bespitzelten. Aber da war Karl Barth schon einer der prominentesten Theologen der Welt.

Sendung: SRF 1, Sternstunde Religion, 09.04.2017, 10:00 Uhr

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Zur Person

Karl Barth war einer der wichtigsten Vertreter des Protestantismus im 20. Jahrhundert. Der Pfarrerssohn wurde 1886 in Basel geboren. Später war er Theologieprofessor und Mitbegründer der Theologischen Erklärung von Barmen, die das theologische Fundament der Bekennenden Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus bildete. Gestorben ist Barth 1968.

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