Tag der Arbeit Der blutige Beginn des 1. Mai

Am 1. Mai geht die Arbeiterschaft auf die Strasse. Ihren Feiertag verdankt sie weder Marx noch Lenin – sondern einem Bombenwerfer, toten Polizisten und gehenkten Arbeiterführern in Chicago.

Schwarz-weiss Stich einer Bombenexplosion während eines Arbeiterstreiks 1886 in Chicago.

Bildlegende: Bombenexplosion, Schüsse, Tote: In Chicago eskalieren die Proteste, die am 1. Mai 1886 friedlich begannen. Wikimedia / Harpers 15.5.1886

  • Der erste 1. Mai fand 1886 in Chicago statt und begann mit einem Streik. Zu Beginn verlief der friedlich. Arbeiter wollten mehr Lohn.
  • Zwei Tage später eskalierte die Situation erstmals. Polizisten schossen in eine Menge unbewaffneter Arbeiter. Sechs Tote.
  • 4. Mai 1886: Ein Unbekannter warf eine Bombe. 12 Tote und ein Prozess. Die Streikführer wurden zum Teil zum Tode verurteilt. Der Bombenwerfer blieb unbekannt.

Es war in den ersten Maitagen des Jahres 1886, als es in der Arbeiterschaft der Stadt Chicago gewaltig rumorte. In einer Fabrik für Landwirtschaftsgeräte hatte sich ein Teil der Arbeiter dazu entschlossen, gegen die harten Bedingungen zu protestieren. Drei Dollar für einen Zwölfstundentag seien einfach zu wenig. Man forderte den Achtstundentag.

Ein Streik wird beschlossen

Die Betriebsleitung reagierte auf die Forderungen mit einer Massenaussperrung. Sie entliess 1000 Leute und wollte die freien Stellen mit Einwanderern besetzen, die in ähnlichen Fällen jeweils rasch zur Stelle waren. Doch nicht dieses Mal.

Eine gross angelegte Flugblätter-Kampagne wirkte offensichtlich. Das beflügelte die Gewerkschafter. Am Abend des 1. Mai beschloss eine Versammlung von 90'000 Arbeitern am Heumarkt in Chicago einen mehrtägigen Streik.

Eine Bombe explodiert

Zwei Tage später wurde die Versammlung von Streikenden durch die Polizei gewaltsam aufgelöst. Sechs Arbeiter wurden getötet – teilweise mit Schüssen in den Rücken. In der folgenden Nacht versammelten sich mehr Menschen am Haymarket Square. Es blieb friedlich.

Am 4. Mai eskalierte der Protest, als jemand eine Bombe in die Menge warf. Zwölf Menschen, darunter ein Polizist, starben auf der Stelle, die Polizei antwortete mit Schüssen in die Menge und tötete eine unbekannte Zahl Streikender.

Porträts der «Haymarket Martyrs»

Bildlegende: Porträts von sieben der acht Angeklagten – in die Geschichte eingegangen als die «Haymarket Martyrs». Wikimedia / F. Leslie's Newspaper 1887

Der mutmassliche Bombenwerfer wurde festgenommen, bald jedoch wieder freigelassen. Es wird vermutet, dass er eigentlich im Auftrag der Polizei oder der Firmenbesitzer gehandelt hatte. Mangels Täter konzentrierte sich die Justiz fortan auf die acht Männer, die den Streik organisiert hatten.

Der Bombenwerfer habe sicher auf Grund der Ideen der Gewerkschafter gehandelt, befanden die Richter und offensichtlich voreingenommene Geschworene: Die Angeklagten seien schuldig und verdienten eine gerechte Strafe.

Vier wurden gehenkt, ein fünfter brachte sich in seiner Zelle mit Dynamit selber um, andere kamen mit lebenslanger Haft davon.

Reaktionen weltweit

Die Verurteilungen führten zu einem grossen Echo in den internationalen Arbeiterkreisen und zu Protesten in vielen Ländern. Allein 25'000 Menschen nahmen an der Beerdigung der Hingerichteten in Chicago teil.

Vier Jahre später, am 1. Mai 1890, gingen gleich in mehreren Ländern Arbeiter auf die Strasse und forderten – wie ihre Vorbilder aus Chicago – die 40-Stunden-Woche. In London waren es 300'000 Menschen, in Bern wurden rund 2000 gezählt, die am frühen Nachmittag statt zur Arbeit auf die Strasse gingen. Der schweizerische Gewerkschaftsbund hatte damals 5000 Mitglieder, und die sozialdemokratische Partei war gerade erst neun Monate alt.

Alle erinnern sich – fast alle

Seither rufen fast auf der ganzen Welt Arbeiter und ihre politischen Vertreter am ersten Mai zu besseren Arbeitsbedingungen auf. In den USA allerdings, wo der traurige Ursprung dieser Tradition liegt, will man davon am 1. Mai nichts wissen.

Man feiert den Tag der Arbeit, den Labor Day, jeweils im Herbst, am ersten Montag im September. Als wolle man sich nicht an die Mai-Ereignisse von 1886 erinnern.

Sendung: SRF 4 News, Tageschronik, 1. Mai 2017, 10.55 Uhr.

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