Der ewige Sündenbock: Jean-Paul Sarte über Antisemitismus

Warum Antisemitismus funktioniert, darüber hat der französische Philosoph Jean-Paul Sartre 1946 einen Essay geschrieben: «Réflexions sur la question juive». Die aktuellen antisemitischen Ausschreitungen in Europa zeigen, Sartes Thesen sind nach wie vor aktuell.

Ein Junge schaut in die Tsche eines Mannes, der einen Zylinder trägt.

Bildlegende: Juden als Reiche, die auf den kleinen Mann herabblicken: So wurden sie auch in Karikaturen häufig dargestellt. Wikimedia

Antisemitismus ist praktisch und nützlich, so Jean-Paul Sartre in «Réflexions sur la question juive» (1946). Sartre gibt in seinem Essay das Beispiel von jemandem, der von einem jüdischen Kürschner betrogen wurde. Statt juristisch gegen Kürschner und Pelzhändler vorzugehen, ist der Betrogene wütend auf die Juden. Das ist einfacher, die Frustration hat eine klar bestimmbare Ursache.

Allgemeiner formuliert: Um ein Problem in den Griff zu bekommen, muss man nicht selbst etwas tun, wenn man sich einfach gegen die Juden stellen kann. «Si le juif n’existait pas, l’antisémite l’inventerait», schreibt Sartre. Wenn es den Juden nicht gäbe, würde ihn der Antisemit erfinden.

Je intelligenter, desto gefährlicher

Der Antisemitismus ist also praktisch, weil er komplexe Probleme auf einen einfachen Nenner bringt. Dabei ist sich der Antisemit durchaus seiner eigenen Haltung bewusst, so Sartre. Der Antisemitismus bildet eine Elite der Mittelmässigkeit, «l’élite des médiocres».

Der Antisemit verachtet die Intelligenz als etwas Jüdisches. Je intelligenter ein Jude, umso gefährlicher ist er. So gibt der Antisemitismus den Kleinen das Gefühl, dass sie wer sind, dass sie etwas besitzen und etwas zu verteidigen haben. Sartre hat dafür den Begriff eines «snobisme des pauvres» gefunden, eines Snobismus der Armen.

Antisemitismus aus Angst vor der Welt

Es geht also um einen Snobismus, der keine eigene Leistung erfordert, schreibt Sartre: Der Antisemitismus vermittelt das Gefühl, einer Elite anzugehören, ohne dass man etwas dafür tun muss. Der Antisemit hat Angst vor der Welt, so Sartre weiter. Wenn er sich der Welt stellen würde, müsste er sie gestalten. Er müsste sie verändern, er wäre der Herr seines eigenen Schicksals und somit auch für sich selber verantwortlich. Er hat eigentlich vor allem Angst: «vor seinem Gewissen, vor seiner Freiheit, seinen Instinkten, seiner Verantwortung, der Einsamkeit, der Veränderung, der Gesellschaft und der Welt: vor allem ausser den Juden.» «C’est un lâche», schliesst Sartre, der Antisemit ist ein Verzagter.

So etwas ist ein gefundenes Fressen für Demagogen. Das ist die traurige Aktualität von Sartre, das funktioniert heute genauso. Der Antisemitismus ist keine isolierte Meinung, sondern in unserer Gesellschaft verankert.

Und sein Fazit bleibt erschreckend aktuell: Der Antisemitismus ist eine mythische Projektion, zufällig auf die Juden bezogen, nicht ein Problem der Juden, sondern unser Problem. Sartre schreibt: «Pas un Français ne sera en sécurité tant qu'un juif, en France et dans le monde entier, pourra craindre pour sa vie.» So lange ein Jude irgendwo auf der Welt um sein Leben fürchten muss, ist auch kein Europäer sicher.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 28.07.2014, 17:10 Uhr.