Der Flugzeugabsturz von Würenlingen und linker Antisemitismus

Der Absturz einer Swissair Coronado am 21.2.1970 war der blutige Höhepunkt einer Serie von Terrorattacken in Deutschland und der Schweiz. Wolfgang Kraushaars neues Buch «Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?» beleuchtet bisher unbekannte und verstörende Hintergründe.

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Swissair-Flug 330 - neues Licht auf den Absturz von 1970

5:38 min, aus Kulturplatz vom 20.3.2013

Im Wald von Würenlingen war es plötzlich totenstill. An den Bäumen hingen Kleiderfetzen, am Boden lagen Wrackteile. Und dazwischen das, was von Menschen übrigbleibt, wenn ein Flugzeug abstürzt. Mitten im Wald – eine Schneise des Grauens.

Mit 38 Passagieren und 9 Besatzungsmitglieder war die Maschine in Zürich-Kloten gestartet. Ihr Ziel: Tel Aviv. Niemand ahnte, dass im Frachtraum eine Höllenmaschine explodieren würde. Plötzlich brannte es, die Piloten versuchten noch, die Coronado zurück nach Kloten zu fliegen. Dann war der Rauch im Cockpit zu dicht und Kopilot Armand Etienne funkte an den Tower: «We have smoke on board, we can’t see anything.» Und dann nur noch: «Goodbye everybody.»

Eine Blutspur des Terrors

Würenlingen war der Höhepunkt einer Serie von Terroranschlägen mit insgesamt 55 Toten innerhalb von elf Tagen. Elf Tage, in denen der Terror auch die Schweiz erreichte. So etwas hatte es in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht gegeben. Und trotzdem erinnert sich kaum jemand an diese Welle des Terrors. Im kollektiven Gedächtnis dominiert der Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft 1972.

Rund um diese elf Tage kreist nun Wolfgang Kraushaars neues Buch «Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?». Der Politikwissenschaftler, der am Hamburger Institut für Sozialforschung arbeitet, gilt als profunder Kenner der Protestbewegungen der Gegenwart und des modernen Terrorismus im 20. Jahrhundert. Er ist der Chronist, der die Hintergründe, die Motive der Täter und die ideologischen Verbindungen zu Teilen der linken Szene Deutschlands auffächert.

Leute im Wald

Bildlegende: Am 7. März 1971 wurde an der Absturzstelle des Swissair-Flug 330 eine Gedenkstätte eingeweiht. Keystone

Die Chronik

Am 10. Februar 1970 versuchen palästinensische Terroristen  auf dem Flughafen München-Riem ein Flugzeug zu entführen. Dabei stirbt ein junger Israeli, Arie Katzenstein, als er seinem Vater das Leben retten will. Die Schauspielerin Hanna Maron wird so schwer verletzt, dass ihr ein Bein amputiert werden muss. 

Drei Tage später wird ein Brandanschlag auf ein Wohnhaus der Israelitischen Kultusgemeinde in der Reichenbachstrasse 27 in München verübt. Sieben Bewohner, darunter viele Holocaust-Überlebende, verbrennen.

Am 21. Februar startet eine Caravelle der Austrian Airlines in Frankfurt/Main. Elf Minuten später explodiert eine Bombe im Frachtraum. Die Maschine kann notlanden.

Drei Stunden später stürzt die Swissair Coronado, Kurs 330 Zürich – Tel Aviv, in Würenlingen ab.

Komplize Zufall

Doch wie geriet die Schweiz ins Fadenkreuz des internationalen Terrorismus? Wolfgang Kraushaar beschreibt detailreich die Vorgeschichte und das zeitgeschichtliche Umfeld. Ein Kommando der PFLP-GC (Volksfront zur Befreiung Palästinas – Generalkommando) hatte in Frankfurt/Main die Bomben zusammengebaut. Ein Höhenmesser sollte die Explosion auslösen. Dann wurden zwei Pakete aufgegeben. Per Flugpost nach Israel, mit jeweils zwei Bomben.

Und nun kommt der Komplize Zufall mit ins Spiel: Da zwei El-Al Maschinen an diesem Tag nicht nach Israel fliegen, wird die Paketpost umgeleitet. Ein Paket gelangt an Bord der Austrian Airlines, das zweite in den Frachtraum der Coronado der Swissair. So einfach war das damals.

Die Täter wurden gefasst – und wieder freigelassen 

Die Täter waren schnell ermittelt. Vermutlich gab der israelische Geheimdienst Hinweise an die deutsche Polizei, die in Frankfurt zwei der vier Verdächtigen verhaftete – und wieder freiliess. Die Namen sind bekannt: Sufian Radi Kaddoumi und Badawi Mousa Jawher waren die Anführer, ihre Helfer Yaser Qasem und Issa Abdallah Abu-Toboul. Möglicherweise hatten sie deutsche Unterstützer.

Doch bis heute gab es kein Gerichtsverfahren, die Ermittlungen wurden eingestellt. Das Verbrechen, das in Würenlingen 47 Unschuldige das Leben kostete, bleibt bis heute ungesühnt.

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Wolfgang Kraushaar: «Das war ein Anschlag auf Zivilpersonen.»

1:22 min, vom 22.3.2013

Die Chronik der Ereignisse dieser beinahe vergessenen Attentate ist nur ein Teil von Wolfgang Kraushaars Report. Brisanter sind jene Kapitel, in denen er über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus schreibt, die mit den Aktionen im Februar 1970 direkt zusammenhängen. Die Tragödie in Würenlingen hätte verhindert werden können, hätte man die richtigen Schlüsse gezogen, aus dem blutigen Terror im Februar 1970.

Dass die Generation, die gegen ihre Nazi-Väter und Mütter auf die Barrikaden stieg, gleichzeitig den blutigen Terror der Palästinenser unterstützte, duldete oder selbst gegen jüdische Einrichtungen aktiv Anschläge verübte, ist schier unfassbar.

Plumper, unreflektierter Anti-Zionismus

Kraushaar rückt dabei in seiner Chronik den Brandanschlag auf das Wohnhaus der Israelitischen Kultusgemeinde München in den Mittelpunkt. Auch in diesem Fall wurde zwar ermittelt, aber keiner der Täter stand je vor Gericht.

Viele Indizien verweisen auf Personen im Umfeld der »Tupamaros München«, einer anarchistischen Gruppe, in der eine Kultfigur der 68er-Bewegung eine wesentliche Rolle spielte: Fritz Teufel, Polit-Clown und Mitbegründer der Kommune 1 in Berlin. Er hatte wenige Tage vor dem Brandanschlag in einem Interview getönt: «Jetzt muss es krachen.»

Wolfgang Kraushaar kann nicht beweisen, dass es Deutsche waren, die dieses Wohnhaus der Israelitischen Gemeinde anzündeten. Aber alles deutet darauf hin. Man will es eigentlich nicht wahrhaben, dass 25 Jahre nach Ende der Nazi-Barbarei ausgerechnet linke Anarchisten Juden umbringen.

Aber Wolfgang Kraushaar schildert detailliert Indizien und Zusammenhänge, die zeigen, wie aus einem Solidaritätsgefühl mit den Palästinensern vermischt mit antiimperialistischen Zutaten ein plumper, unreflektierter Anti-Zionismus erwächst, der in Antisemitismus und Gewalt mündet.

Star der 68er ruft zur Gewalt gegen Juden auf

Kraushaars Argumentation wiegt umso schwerer, als er einen zweiten Vorfall schildert, für den ein anderer Star der 68er die Verantwortung trägt. Dieter Kunzelmann war das Sprachrohr der Kommune 1 in Berlin und gehörte zu den ersten, die sich in Jordanien von Palästinensern an Waffen ausbilden liessen.

Er befahl 1969 einem Genossen, ausgerechnet am 9. November während einer Gedenkfeier an die Opfer der sogenannte »Reichskristallnacht«, dem Auftakt zum Holocaust, einen Brandsatz im Jüdischen Gemeindezentrum in Berlin zu deponieren. Glücklicherweise explodierte die Bombe nicht.

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Wolfgang Kraushaar: «Vergeltung für die Opfer von 1938.»

1:33 min, vom 22.3.2013

«Ohne Kampf versinken wir in liberalem Morast»

Kunzelmann, so beschreibt es Wolfgang Kraushaar in seinem Buch, war der Einheizer, der mit Pamphleten die anti-jüdische Stimmung zum Sieden bringen wollte. Drei Monate vor den Anschlägen schrieb er in «Agit 883», einem anarchistischen Szeneblatt: «Palästina ist für die BRD und Europa das, was für die Amis Vietnam ist. Die Linken haben das noch nicht begriffen. Warum? Der Judenknax.»

Mit «Judenknax» meint er den millionenfachen Mord der Nazis an den europäischen Juden, der die Linken daran hindern würde, den Kampf gegen Israel aufzunehmen. Kunzelmann fragt: «Wann endlich beginnt bei Euch der organisierte Kampf gegen die heilige Kuh Israel?» So wurden aus Parolen terroristische Aktionen.

Entzauberung der friedvollen 68er Hippies

Wolfgang Kraushaars Buch entzaubert den Mythos der friedvollen 68er Hippies, die in Wirklichkeit schweigend duldeten, dass Teile der Protestgeneration mit gewaltsamen Aktionismus dem Gespenst des Antisemitismus freien Lauf liessen. Die terroristische Aktionen gegen jüdische oder israelische Einrichtungen unterstützten und dabei  in Kauf nahmen, dass Unschuldige ihr Leben verlieren, wie in Würenlingen.

Er entzaubert aber auch die Rolle der Deutschen und der Schweizer Regierungen, die wohl aus Angst vor weiteren Anschlägen sehr passiv waren in der juristischen Verfolgung der verbrecherischen Attentate.

Die Rolle der Schweiz

Diese Passivität kann der Schweizer Journalist Otto Hostettler nicht akzeptieren. Er hat mit grosser Akribie versucht zu ergründen, warum sich die Schweiz so wenig engagierte, die Verantwortlichen für den Absturz in Würenlingen vor Gericht zu bringen. Warum das Ermittlungsverfahren gegen die Tatverdächtigen eingestellt wurde.

Er recherchierte im Bundesarchiv, sprach mit Beteiligten und erzwang schliesslich beim Schweizer Bundesstrafgericht die Herausgabe von Dokumenten, die ihm die Bundesanwaltschaft verweigert hatte. Darin fand er die lapidare Begründung für die Einstellung des Verfahrens am 3. November 2000: Der internationale Haftbefehl sei erfolglos geblieben, auch wisse man nichts über den Aufenthaltsort der Beschuldigten.  

Herbe Enttäuschung für die Angehörigen

Für die Angehörigen der Opfer von Würenlingen eine herbe Enttäuschung. Dabei waren es gerade  sie gewesen, die Otto Hostettler zu seinen Recherchen motiviert hatten.

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Otto Hostettler: «Man wusste, wer da dahinter steckte.»

1:15 min, vom 22.3.2013

Otto Hostettlers Recherchen finden sich auch im Buch von Wolfgang Kraushaar wieder. Es ist eine Zeitreise, die uns die Augen öffnet. Oder den verblendeten Blick auf diese Zeit damals aufhellt. Ein verstörendes, irritierendes Buch, weil es unangenehme Fragen stellt.

Im Wald von Würenlingen steht ein schlichtes Denkmal und erinnert an die 47 Menschen, die dort starben. Still ist es dort, sehr still. Und unweigerlich denkt man: Warum hat man nichts gelernt aus dieser Tragödie?