Der Kampf in den Banlieues gegen den Dschihad

Als 19-Jähriger landete der Franzose Mourad Benchellali «aus Abenteuerlust» in einem Al-Kaida-Trainingslager. Dafür musste er bitter büssen. Heute will Benchellali Jugendliche davon abhalten, in den Dschihad zu ziehen. Als Grund für die Radikalisierung sieht er auch Probleme im französischen Staat.

Jugendliche spielen Fussball in den tristen Vorstädten von Paris.

Bildlegende: Keine Perspektive: Die Radikalisierung der Jugendlichen sei kein muslimisches, sondern ein französisches Problem. Keystone

Über 400 Franzosen kämpfen heute in den Rängen islamischer Terrormilizen. Etwa 300 weitere sind unterwegs in die Kampfgebiete, 350 wollen Frankreich verlassen und 250 sind zurückgekehrt. Mehr als 80 Franzosen sind in Syrien und im Irak gestorben. So die Zahlen aus dem Pariser Innenministerium.

Damit nicht noch mehr in die Fänge der Dschihadisten geraten, hat die französische Regierung nun erstmals ein neues Anti-Terror-Gesetz angewandt: Die Polizei nahm sechs Franzosen Reisepässe und Ausweiskarten ab, um zu verhindern, dass sie nach Syrien ausreisen. 40 weitere Ausreiseverbote sollen folgen.

Zweieinhalb Jahre in Guantanamo

Repressive Schritte, von denen der Franzose Mourad Benchellali wenig hält. Er setzt vielmehr auf Vorbeugung und Aufklärung. Der 33-Jährige weiss, wovon er spricht: Der ernste Mann mit dem kurzen Kinnbart stammt aus einer Banlieue-Siedlung bei Lyon. Im Sommer 2001 reiste er «aus Abenteuerlust» nach Afghanistan. Aber dort landete er in einem Al-Kaida-Trainingslager.

Einige Monate später fasste die US-Armee den damals 19-Jährigen und brachte ihn ins Gefangenenlager Guantanamo. Ohne jegliche rechtliche Grundlage sperrte dort die USA Menschen ein, die im Verdacht standen, Al Kaida-Kämpfer zu sein. Nach zweieinhalb Jahren wurde er nach Frankreich ausgeliefert. Dort musste Benchellali noch einmal 18 Monate ins Gefängnis. Im Jahr 2006 kam er endlich frei.

Wie geht man mit Menschen um, die aus Kriegsgebieten kommen?

Mourad Benchellali, umringt von Mikrofonen, gibt Journalisten Interviews.

Bildlegende: Mourad Benchellali kurz nach seiner Freilassung aus Guantanamo in Paris, September 2006. Reuters

Seither zieht Mourad Benchellali gegen den Dschihad ins Feld. Wo immer er kann, erzählt er seine Lebensgeschichte: in Schulen, Jugend- und Sportclubs. «Ich will verhindern, dass junge Menschen nach Syrien ausreisen und erleben, was ich erleben musste», sagte er jetzt in der Pariser Vorstadt Drancy, wo ihn der muslimische Bürgerverein «Trait d´Union» – auf Deutsch «Bindestrich» – zu einer Debatte eingeladen hatte. Jugendliche waren allerdings nicht gekommen. Dafür viele junge Erwachsene und Eltern.

«Benchellali kann uns mit seinen Erfahrungen bei den heutigen Problemen helfen», sagt der 29-jährige Fahrschullehrer Rafad Habid. «Die Regierung sollte sich bei ihm informieren, wenn sie darüber nachdenkt, wie sie mit Menschen umgehen soll, die aus den Kriegsgebieten zurückkommen. Man steckt die Rückkehrer in Isolationshaft, aber was passiert danach? Es sind Franzosen.»

Kein muslimisches, sondern ein französisches Problem

Die Radikalisierung vieler Jugendlicher sei kein muslimisches, sondern ein französisches Problem, betonte Habid. Eine Überzeugung, die offenbar viele im Saal teilten.

Eine junge Frau mit schwarz geschminkten Augen und lila Kopftuch kritisierte, dass die französische Gesellschaft mit ihrer Ausgrenzungspolitik genau das fördere, was sie eigentlich verhindern wolle: die Radikalisierung der muslimischen Jugendlichen. «Ich bin Französin, wie die meisten hier, aber wir werden als Muslime ständig stigmatisiert und schon im Voraus wie Verbrecher behandelt.»

Aber Mourad Benchellali lässt sich nicht vereinnahmen: «Wir dürfen die Verantwortung nicht abschieben, auf Politiker, auf Geistliche, auf die Schule. Wir können alle handeln, jeder auf seine Weise.»

«Der Dschihad ist ein Problem der Zivilgesellschaft»

Seit Kurzem interessieren sich französische Politiker für den Ex-Häftling aus Guantanamo: Benchellali wurde im Senat und am Amtssitz des Premierministers empfangen. Seine Geschichte und sein Engagement könne junge Menschen vor dem Einfluss der Dschihadistenfänger schützen, glaubt auch der Soziologe Farhad Khosrokhavar – vorausgesetzt, er trete nicht im Namen des Staates auf. «Der Dschihad ist ein Problem der Zivilgesellschaft. Diese Art von Zeugenaussage muss von der Basis kommen.»

Mourad Benchellali sieht es ähnlich: Deshalb hat er es abgelehnt, bei der französischen Regierungs-Website «Stoppt den Dschihad» mitzumachen. Stattdessen hält er sich bereit, seine Lebensgeschichte zu erzählen, wo immer man ihn einlädt.