Der «Lotus Effekt»: Wie Politiker Ärger einfach abperlen lassen

Unsere Politiker und Funktionseliten stehen in der Öffentlichkeit. Sie sind auf Sendung. Immer. Wenn es einen Skandal gibt, dann hilft nur eins: Souverän sein oder wenigstens so wirken. Ärger einfach abperlen lassen. Der Effekt kommt aus der Natur und heisst «Lotus Effekt».

Eine Lotusblume.

Bildlegende: Lotusblüten lassen dank ihrer speziellen Oberflächenstruktur Wasser und Schmutz abperlen. flickr/Eddie Tsai

Lotusblüten sind schön und lassen dank ihrer speziellen Oberflächenstruktur Wasser und Schmutz abperlen. Schmutzabweisende und wasserdichte Materialien haben sich dies zunutze gemacht.

Neuerdings macht sich dieses Phänomen, der sogenannte «Lotus Effekt», auch in der Kommunikation breit. Früher hatte mancher Politiker die sogenannte Teflon-Schicht: Alles prallte ab. Das wirkte reichlich unfreundlich. Heute prallt niemand mehr ab, sondern läuft in wohl wattierte wertschätzende Freundlichkeit.

Wertschätzungs-Folklore

Das ist geschickt gemacht: das Gegenüber fühlt sich freundlich ernst genommen, kommt aber keinen Schritt weiter. Diese Ambivalenz aus Freundlichkeit und Unverbindlichkeit kennzeichnet die Kommunikation von Politikern. Mediensoziologe Kurt Imhof beobachtet das seit Jahren: «Eliten sind trainiert, im Katastrophenfall abzufedern», sagt er. Die Zeiten unwirscher Antworten seien vorbei. Freundlichkeit sei angesagt.

Das Wichtigste sei heute die Performanz, erklärt Imhof: «Wir leben in einer ‹Like-Gesellschaft›. Die Performanz ist wichtiger als die Inhalte. Das ist ein Schönheitswettbewerb. Alle müssen eine gute Figur machen.»

Die Simulation von Souveränität

Seit sich Medienwissenschaften und Wahlkampfberater damit beschäftigen, warum jemand gut ankommt und andere nicht, sind die nonverbalen und paraverbalen Parameter in den Fokus gerückt. Also die Körpersprache und die Art, wie jemand etwas sagt: der Tonfall, die innere Haltung, die Emotionalität.

Angela Merkel

Bildlegende: Redet nur unaufgeregt: Angela Merkel. Und hat ihre Hände in der immer gleichen Haltung: Die «Kanzlerinnen-Raute». Keystone

Während die landläufige Meinung darin besteht, Inhalte würden überzeugen, sagen optimistische Medienwissenschaftler, Überzeugungskraft habe nur zu 20 Prozent mit Inhalten zu tun. Pessimisten sagen: höchstens fünf Prozent.

Seitdem wird an der Gelassenheit herum gearbeitet in mehr oder minder hochqualifizierten Trainings, als ob man das an jeder Ecke kaufen könnte: Zen-Ruhe vom Discounter fürs westliche Medienvolk.

Die Darstellung von lotushafter Gelassenheit ist schwierig und in Mode – und seltsam uniform: Strategisch eingesetzte Empathie hier, kalkulierte Wertschätzung da. Dazu Mimik von der Stange.

Die Lizenz zum Lächeln

Am besten kann man die in einem Interview der ARD sehen, das Caren Miosga 2008 mit Josef Ackermann führte. Da war die Bankenkrise gerade losgebrochen, die Rettungsschirme waren in der Luft und Josef Ackermann war Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank.

Portrait Josef Ackermann

Bildlegende: Das zweigeteilte Gesicht: Oben Misstrauen, unten Lächeln. Screenshot

Miosga fragt als Erstes: «Herr Ackermann, wann sind Sie dieses Jahr morgens wach geworden und haben sich gesagt: ‹Was für ein Desaster›?»

Und Ackermann antwortet strahlend: «Jeden Morgen.» Der Inhalt (Desaster) kollidiert frontal mit der Mimik (Lächeln) und dem Tonfall (Freude). Authentisch ist anders.

Das sieht man, wenn man ein Standbild dieses Interviews anschaut. Während die untere Gesichtshälfte lächelt, erzählen die Augen etwas anderes. Die signalisieren Misstrauen.

Künstlichkeit funktioniert nicht

Daniel Perrin, Medienlinguist, arbeitet mit Führungskräften. Er vermutet, dass dieses selbstsichere Abperlen für Führungskräfte hilfreich sein kann.

Er sagt aber auch, dass das Abperlen eine fehlende Empathie signalisiere: «Das weckt eher Misstrauen oder Abneigung. Das wirkt aufgesagt, angelernt und künstlich. Wenn das Lächeln nicht von innen heraus kommt, kommt es rüber, als spiele jemand falsch. Wir sind alle geübt im Gesichter lesen. Seit Babytagen.»

«Vom Aff bisse»

Das radikale Gegenbeispiel zu Josef Ackermanns Auftritt ist der von Christoph Mörgeli in der Rundschau vom 27.3.2013. Bekannt unter der Wendung: «Vom Aff bisse». Das 10-minütige Studiogespräch eskalierte. Von Souveränität nichts zu sehen.

Perrin sagt, solche Situationen seien extreme Stresssituationen. Jedwedes oberflächliche Medientraining komme da schnell an seine Grenze. In dieser Situation ist ein heisser Schlagabtausch entbrannt. Ob es in einer solchen Situation weniger schlecht sei, die Haltung zu verlieren oder «cool zu spielen», sei Geschmackssache, sagt Perrin.

Kommunikation ist ein Spiegel der Seele

Wenn Angriffe unter der Gürtellinie kämen, müsse man die parieren: «Man darf Gefühle zeigen und daneben anständig bleiben.»

Wenn die Angriffe aber argumentativ ausgelegt und sachlich begründet seien, dann müsse man auch so auf sie eingehen. Weglächeln nütze da nichts.

«Man merkt, wenn jemand nicht ehrlich ist, egal womit er kommt. Kommunikation ist ein Spiegel der Seele. Die Leute sehen es einfach.»