Der Pfarrer, der nicht an Gott glaubt

Ungläubige und Agnostiker gibt es viele in der säkularen Gesellschaft. Aufhorchen lässt jedoch, wenn sich ein Pfarrer als Atheist bezeichnet. Der Niederländer Klaas Hendrikse tut's. Er ist evangelischer Pfarrer – und glaubt nicht an die Existenz Gottes.

Der Pfarrer Klaas Hendrikse guckt freundlich in die Kamera.

Bildlegende: Pfarrer, Autor, Atheist: Klaas Hendrikse (65) aus den Niederlanden. TVZ

Sonntag für Sonntag steht Klaas Hendrikse auf der Kanzel. In Middelburg im Süden Hollands leitet der 65jährige Pastor Gottesdienste der evangelischen Gemeinde. Er predigt, traut, tauft, konfirmiert, beerdigt und macht Hausbesuche. Wie jeder andere Pfarrer auch. Nur, Pastor Hendrikse glaubt nicht an Gott.

Ein Atheist als Pfarrer?

Doch, warum wird so einer Pfarrer? Er sei das Kind eines atheistischen Vaters, erzählt der hochgewachsene Mann mit dem markantem Gesicht, der auch als James-Bond-Darsteller durchgehen würde: «Mein Vater sagte immer, der Glaube an einen Gott sei Unsinn.»

Als Wirtschaftsstudent begleitete er seinen Vater – einen Tierarzt – oft auf dessen Touren zu Bauernfamilien. Diese einfachen Menschen auf dem Land prägten Hendrikse fürs Leben. Er war beeindruckt von ihrer Fähigkeit, das Leben so zu nehmen, wie es war, das Beste daraus zu machen und zu vertrauen. Diese Bauern, und vor allem die Bäuerinnen, hätten felsenfest an Gott geglaubt und seien derart überzeugend gewesen, dass er sich sagte: «Der Glaube dieser Frauen und Männer kann nicht Unsinn sein.»

Die Gottesfrage des Ökonomen

Seitdem lässt Klaas Hendrikse die Frage nach Gott nicht mehr los. Nach ein paar Jahren als Manager beim Bürotechnologiekonzern Xerox entschliesst sich der damals 28jährige, evangelische Theologie zu studieren. Denn – einfach nur Geld verdienen, das könne es nicht sein, erkannte der junge Ökonom. Zwischen Himmel und Erde müsse es noch etwas geben; etwas, das einen tieferen Sinn vermittle. Um Frau und Kinder durchzubringen, arbeitete er neben dem Studium weiter als Wirtschaftsberater.

Und - führte ihn das Theologiestudium zum Glauben an einen Gott? Keineswegs. Für Klaas Hendrikse blieb immer klar, dass Gott nicht existierte.

Der Gott des Aufbruchs

Er sei zwar überzeugter Atheist, sagt der niederländische Pastor. Aber kein Gottesleugner:

«Ein Atheist ist, wörtlich verstanden, ein Nicht-Theist, im schlimmsten Fall ein Anti-Theist. Ein Theist ist jemand, der an einen existierenden Gott glaubt, an ein Wesen, das irgendwo ist und bestimmte Eigenschaften hat, wie zum Beispiel barmherzig, allmächtig, allgegenwärtig. Nun, ein Atheist bestreitet zwar die Existenz eines solchen Gottes. Er lehnt dieses Gottesbild ab, das jemand vor ihm entwickelt hat. Aber für mich muss ein Atheist nicht zwangsläufig ein Gottesleugner sein.»

Viele Atheisten, so Hendrikse, lehnten automatisch auch jegliche Spiritualität ab. Er nicht. Er glaube nämlich, dass Göttliches «sich ereignen könne» und zwar in Beziehungen: «Wenn Menschen Solidarität leben, wenn sie aufbrechen und gewohnte egoistische Verhaltensmuster durchbrechen, dann geschieht etwas Göttliches», so der ungewöhnliche Theologe.

Der Kanzeldienst des Atheisten

Eines Tages, Hendrikse war 36 Jahre alt und mittlerweile studierter Theologe, habe ihn ein Bekannter aus der Kirchgemeinde Middelburg angesprochen: «Wir suchen einen Pastor. Ein Typ, wie du einer bist, könnte zu uns passen». Hendrikse war erstaunt, hatte er doch nie einen Hehl aus seinem Unglauben gemacht. Doch die evangelische Gemeinde von Middelburg wollte ihn wirklich. Und so habe er zugesagt. Und siehe, es funktionierte. Und es funktioniert bis heute, seit dreissig Jahren.

Ein Kirchenferner im Kirchendienst

Ist es nicht paradox, dass einer wie Hendrikse mit seiner Distanz zur kirchlichen Tradition im Kirchendienst bleiben will? «Wäre ich der einzige, der so denkt, hätte ich die Kirche längst verlassen», sagt der Querdenker. Doch dem sei nicht so. Viele Kirchenmitglieder teilten seine Ansichten. Sie würden von ihm nicht erwarten, dass er an Ostern von der Auferstehung Christi predige – was sein Credo nicht sei – oder dass er an Beerdigungen mit dem ewigen Leben tröste, an das er selbstverständlich nicht glaube.

Bus mit atheistischer Aufschrift auf katalanisch.

Bildlegende: Atheismus-Reklame auf katalanisch (Barcelona, Januar 2009). Keystone

Was kann der atheistische Pfarrer als Seelsorger bieten? Wie gestaltet er die Gottesdienste?

Zuallererst brauche es eine gute Atmosphäre. Er beginne immer mit einer Tiergeschichte für die Kinder aus einem populären holländischen Buch. Diese Erzählungen hätten nichts mit Religion zu tun. Aber die Kinder fessle es, und auch die Erwachsenen hätten immer ein Lächeln im Gesicht. Die eigentliche Liturgie halte er so kurz wie möglich, sagt Hendrikse. Natürlich gebe es im Gottesdienst Momente der Stille und musikalische Einlagen. Und auch die Bibelarbeit gehöre dazu. Klaas Hendrikse hat hier keine Berührungsängste.

Die Schrift aktualisieren

Wie jeder Pfarrer, jede Pfarrerin heute, versuche er, eine Stelle aus dem Neuen oder Alten Testament zu aktualisieren. Neulich habe er über das Thema Freundschaft gepredigt. Ausgangspunkt war die biblische Geschichte über die Beziehung von David und Jonathan. Er habe darauf hingewiesen, dass die Wörter «Freundschaft» und «Gott» in diesem biblischen Text gar nicht vorkommen, dass wir also die Geschichte über die Männerfreundschaft von David und Jonathan mit unseren Erfahrungen und Vorstellungen füllen müssten. Dass das Göttliche nicht von oben herab komme, sondern sich eben in der Beziehung zwischen Menschen ereigne.

Die Zukunft der Kirche

Noch ist Klaas Hendrikse nicht zufrieden mit der Gestaltung seiner Gottesdienste, mit der Einweg-Kommunikation seiner Predigt. Der atheistische Pastor träumt von einer offenen Kirche, die wie ein theologisch-spirituelles Café funktioniert: «Wo zusammen gegessen und diskutiert wird, wo die Menschen ihre Fragen auf den Tisch legen. Wo Musik, Meditation und Filme angeboten werden.»

Nur eines werde er nie anbieten: fertige Antworten.

Buchhinweis

Klaas Hendrikse: «Glauben an einen Gott, den es nicht gibt – Manifest eines atheistischen Pfarrers». TVZ-Verlag, 2013.

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