Der Spaziergang, der das Leben meines Grossvaters veränderte

Die Dichterin Else Lasker-Schüler lernt in ihren Exiljahren in der Schweiz den jungen Jurastudenten Emil Raas kennen. Die Freundschaft, die in den 1930er-Jahren entstanden ist, prägt die Familie des Juristen bis heute. Seine Enkelin Noëmi Gradwohl macht sich Jahrzehnte später auf Spurensuche.

Portait Emil Raas 1944 in schwarzem Anzug und weissem Hemd

Bildlegende: Emil Raas zehn Jahre nach seinem ersten Treffen mit Else Lasker-Schüler. Familienbesitz Raas

Wer ist Else Lasker-Schüler? Als Kind befragt, hätte ich geantwortet: Eine Bekannte meines Grossvaters. Dass sie auch – und vor allem – eine weltberühmte Dichterin ist, habe ich erst später begriffen. Wann? Ich weiss es nicht. Es ist etwas, das man in sein Denken integriert, wie Fremdwörter in die Muttersprache. Plötzlich ertappt man sich dabei, dass man sie benutzt.

Porträt von Else Lasker-Schüler

Bildlegende: Else Lasker-Schüler im Alter von 38 Jahren. Eikimedia

Dennoch blieb Else Lasker-Schüler für mich lange ein Geist, der in unserer Familie herumspukte. Einen Körper erhielt sie durch ihre Gedichte und die Anekdoten, die mein Grossvater erzählte.

Treffen im Exil

Kennengelernt hat mein Grossvater Emil Raas die Dichterin im November 1933: Als junger Jurastudent lädt er sie nach Bern zu einer Lesung ein. Sie ist aus Deutschland geflohen; als Jüdin wurde sie dort beschimpft und bedroht. Nun weilt sie im Exil in Zürich.

Nach der Veranstaltung spazieren die beiden durch die Stadt. «Gern denke ich an Bern», schreibt die Dichterin dem Studenten kurz danach. «Solche Spaziergänge, schwebend, lassen das Leben ertragen.»

Es entsteht eine tiefe Freundschaft. Sie nennt ihn «Begleiter» oder «Mill», er nennt sie «Dichterin». Sie ist 64 Jahre alt, er ist 23. Gegenseitig besuchen sie sich, er reist nach Zürich, sie nach Bern. Und sie schreiben sich: Mehr als 200 Briefe werden es sein 1945, als die Dichterin stirbt.

Doch die Freundschaft währt über ihren Tod hinaus. Mein Grossvater hat sie Zeit seines Lebens nicht vergessen.

Eine Begegnung kann ein ganzes Leben prägen

Die Begegnung mit Else Lasker-Schüler war für ihn, den Sohn eines Stoffhändlers, prägend: Sie hat ihm die Welt der Künste eröffnet. Literatur und Malerei, das blieben die grossen Lieben seines Lebens. Bei jeder Gelegenheit hat er Gedichte zitiert. Und als alter Mann ist er gerne mit uns Enkelkindern in seinem Wohnzimmer gesessen, hat mit uns Kunstbände angeschaut und Geschichten dazu erzählt.

Emil Raas als Schüler

Bildlegende: Emil Raas' Foto auf seinem Schülerausweis. Wenige Jahre später lernte er Else Lasker-Schüler kennen. Familienbesitz Raas

Das Fenster jenes Wohnzimmers zeigte in den Garten, zu grossen Kastanien- und anderen Bäumen. «Es tanzen Schatten in den dunkelgrünen Bäumen, die du so liebst, elf deiner guten Feen, die treu dein Haus, und dich, du Rauschender, betreuen.» So beschreibt Else Lasker-Schüler den Garten in ihrem Gedicht «An Mill», das in ihrer Sammlung «Mein Blaues Klavier» steht. Gerne sei sie im Blätterschatten gesessen. Als Kind habe ich die Feengesichter in den Bäumen gesucht.

Man hat ihr übel mitgespielt

Die Briefe der Dichterin hat mein Grossvater in einer Kiste auf dem Dachboden des grossen Hauses aufbewahrt, in dem er seit seiner Kindheit wohnte. Erst kurz vor seinem Tod 1993 hat er sie der Literaturwissenschaft zugänglich gemacht. Sie dürfen nicht nach Deutschland gelangen – das war seine Bedingung. Denn Deutschland habe Else Lasker-Schüler übel mitgespielt.

Wie übel wusste Emil Raas aus eigener Erfahrung. Er half Else Lasker-Schüler in rechtlichen Dingen, kaum hatte er sein Studium beendet. Ihre deutsche Staatsbürgerschaft musste die Dichterin abgeben.

Und auch die Schweiz wollte sich ihrer rasch entledigen. Zeitweise erwirkte Emil Raas zwar eine Aufenthaltserlaubnis, letztlich musste sie jedoch nach Palästina ausreisen und konnte nach Kriegsausbruch 1939 nicht mehr in die Schweiz zurück.

Spuren in Israel

Knapp acht Jahrzehnte später reise auch ich mit meiner Mutter nach Israel. Hier wohnt meine Tante. Wir suchen nach Spuren dieser Freundschaft in unserer Leben – und finden ganze Wegnetze.

Gemeinsam fahren wir ins Archiv der Nationalbibliothek in Jerusalem, wo die Briefe lagern. Sie sind die Zeugen dieser ungewöhnlichen Freundschaft. Wir erfahren, dass bei Else Lasker-Schüler ihre Briefe zu ihrem künstlerischen Werk gehören. Und so hatte der Spaziergang in Bern an jenem Novemberabend 1933 etwas Magisches: Durch die Begegnung mit der Dichterin ist ihr Begleiter, mein Grossvater, zu einer literarischen Figur geworden.

Buchhinweis

Die Briefe, die Else Lasker Schüler an Emil Raas schrieb, kann man nachlesen in:

Else Lasker-Schüler: Werke und Briefe. Kritische Ausgabe, Band 9-11, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag.

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