Der Tag, an dem Cassius Clay zu Muhammad Ali wurde

Vor 50 Jahren überraschte ein gewisser Cassius Clay die Welt: Der Boxer bezwang als absoluter Aussenseiter den gefürchteten Sonny Liston und wurde Weltmeister. Als Muhammad Ali wurde er weltberühmt. Eine neue Ära des Boxens – und der Geschichte Amerikas, sagt Ali-Biograph Peter Kemper im Interview.

Ein Boxer jubelt mit gehobenen Armen nach einem gewonnen Boxkampf.

Bildlegende: 25. Februar 1964: Cassius Clay gewinnt als Aussenseiter gegen Sonny Liston und wird Boxchampion. Keystone

Vor genau 50 Jahren, gleich nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft bekannte sich Cassius Clay öffentlich zum Islam und wurde Anhänger der «Nation of Islam». Ein Wendepunkt in seinem Leben?

Peter Kemper: Es war sicherlich der bis dato wichtigste Tag für ihn. Als ein geschlagener und völlig ausgepumpter Sonny Liston sich in den Abendstunden des 25. Februar 1964 weigerte, noch einmal aufzustehen und zur siebten Runde im WM-Kampf gegen Cassius Clay anzutreten, war nicht nur die Weltsensation perfekt, sondern es begann eine neue Ära des Boxens. Und ich würde sagen, auch in Amerikas politischer und sozialer Geschichte wurde damit ein neues Kapitel aufgeschlagen.

Also begann eine neue Epoche?

Ein Boxer hat seinen Gegner k. o. geschlagen und schaut auf ihn runter.

Bildlegende: Am 25. Mai 1965 verteidigt Muhammad Ali seinen Titel gegen Sonny Liston – durch k. o. in der ersten Runde. Keystone

Nach dem allgemeingültigen Klischee hatte ein Boxer damals unpolitisch zu sein – er sollte eigentlich nur sein zahlendes Publikum unterhalten und sich nicht politisch, und schon gar nicht als ein religiös Suchender profilieren. Niemand von der Sportpresse hätte Cassius Clay, diesen Kindskopf, wie man ihn damals sah, zugetraut, dass er sich ernsthafte Gedanken um sein Seelenheil und um die afroamerikanische Befreiungsbewegung machte.

Doch am Tag nach dem gewonnenen WM-Kampf gegen Sonny Liston verkündete Cassius Clay auf einer Pressekonferenz: «Ich bin nicht länger ein Christ, ich weiss, wohin ich gehe und ich kenne die Wahrheit.» Und dann folgte so etwas wie ein persönliches Glaubensbekenntnis, das sein ganzes Leben wie eine Maxime bestimmen sollte. Er sagte: «Ich muss nicht so sein, wie ihr mich haben wollte, ich bin frei, derjenige zu sein, der ich sein will.» Das hatte man bis dato von einem Boxer noch nie gehört.

Von seinem Gegner, Sonny Liston, hörte man, er sei ein Mann der Unterwelt gewesen. Ganz allgemein wurde Boxen eher als proletarischer Sport wahrgenommen. Mit Muhammad Ali hat sich das also stark verändert?

Es war eine merkwürdige Situation. Ali wusste im tiefsten Innern sehr wohl, dass er eigentlich mit normalen Mitteln dem damaligen Weltmeister Sonny Liston gar nicht beikommen konnte. Er galt als ein erbarmungsloses Kraftpaket, der seine Kontrahenten eben nicht nur besiegte, sondern geradezu physisch demontierte. Er liess sie mit gnadenlos schnellen Knock-outs ganz schlecht aussehen.

Liston war ein Schwergewicht alten Typs – gradlinig, stahlhart, stoisch – und fand Spass daran, seine Gegner zu verletzen – das wusste Ali. Dazu kam, dass Liston in der Hand des Mobs war, also der amerikanischen Mafia. Ali versuchte dann, ihn psychisch etwas zu verunsichern, wie er das dann später mit seinen Grossmaul-Inszenierungen immer gemacht hatte. Ali nannte Liston im Vorfeld den grossen, hässlichen Bären und klingelte ihn in einer Aktion nachts aus dem Bett und hatte ein Seil, einen Maulkorb und ein Glas Honig dabei. Da kam natürlich die Presse dazu und Ali sagte, er wolle den grossen hässlichen Bären aus seinem Bau locken. Er hat sich mit diesen Aktionen selbst Mut gemacht.

Ali wurde insgesamt drei Mal Weltmeister, viele Brüche dominierten sein Leben, und er war bereits bei seinem Karriereende von der Parkinsonkrankheit gezeichnet. Heute wird er weltweit als Held verehrt. Würden Sie ihn als tragischen Helden bezeichnen?

Wir sehen ihn vielleicht häufig als tragischen Helden, doch er fühlt sich keineswegs so. Man mag das Parkinsonsyndrom, seine langsamen Bewegungen und sein Sprechen bedauern, aber sein Geist ist immer noch hellwach. Ich glaube, Ali ist immer noch eine schillernde Figur. Er engagiert sich seit Jahren in humanitären Hilfsorganisationen und praktiziert seinen Glauben als sanfter Muslim, der eher von der Sufi-Religion als von radikalen Ideen beseelt ist. Er verkörpert heute für viele die Möglichkeit der Toleranz zwischen der westlichen und der islamischen Welt.

Wie erklären Sie sich, dass Ali eine Wirkung weit über das Boxen hinaus hat?

Er hat unglaublich viele Musiker beeinflusst, er hat in seinen Reimen, die er seinen Kämpfen vorausschickte zum Beispiel den Rap vorweggenommen. Diese ganzen Grossmaul-Inszenierungen waren letztlich doch ganz ausgeklügelte Partituren von ihm auf der Medienklaviatur, er beherrschte die so virtuos wie kein Boxer vor ihm.

Und man muss sagen, dass Ali einen fast schwerelosen Stil hatte, der zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte des Boxens Frauen faszinierte. Er war unheimlich ästhetisch, er hatte eine fast kompromisslose Haltung dem Boxsport aber auch der Welt gegenüber. Mit seinem schwarzen Stolz und dem Aufruf zum schwarzen Widerstand wurde Ali über Nacht zum Feind des konservativen Amerika, aber für viele junge Leute wurde er zum einem Hoffnungsträger.

Zur Person

Peter Kemper ist Publizist und Kulturredaktor beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Neben Büchern über die Beatles oder John Lennon schrieb er auch eine Biographie über Muhammad Ali («Muhammad Ali. Leben, Werk, Wirkung». Suhrkamp, 2010).