Der Tod des Feuilletons? Ein Gegenbeispiel

Die Parole vom «Niedergang des Feuilletons» zirkuliert mindestens seit 2003, als grosse deutsche Zeitungen eine Tagung mit diesem Titel veranstalteten. Die Printmedien sind ökonomisch unter Druck, das spürt auch das Feuilleton. Seit 40 Jahren erfolgreich dabei ist «NZZ»-Feuilleton-Chef Martin Meyer.

Hinter einer Scheibe sitzt eine ältere Frau in einem Café und liest die «Neue Zürcher Zeitung».

Bildlegende: Das Feuilleton der «Neuen Zürcher Zeitung» wird gelesen und ist in einer guten wirtschaftlichen Position. Flickr/Christopher Swerin

Das Feuilleton ist nicht gesamthaft moribund. Wie sonst wäre es zu erklären, dass im deutschen Sprachraum Medienhäuser wie die «Neue Zürcher Zeitung», die «Frankfurter Allgemeine Zeitung», die «Süddeutsche Zeitung» und die «Zeit» daran festhalten, einen profilierten – und teuren – Kulturteil zu produzieren. Das Feuilleton, sagt Martin Meyer, Leiter der Feuilleton-Redaktion der «NZZ», verdichte sich heute «auf die wesentlichen Medien, pathetisch gesagt: auf die Leitmedien».

«Keine heile Welt mehr»

Um beim Schweizer Feuilleton-Flaggschiff «NZZ» zu bleiben: Ums Ende des Kalten Krieges herum setzte die Redaktion eine inhaltliche Erneuerung in Gang. Neben das weiterhin üppige – bei anderen Medientiteln stark ausgedünnte bis abgestorbene – Rezensionswesen sind weitere Textsorten getreten: die gesellschaftspolitische Debatte, wie sie auch der verstorbene Frank Schirrmacher in der «Frankfurter Allgemeinen» mit Meisterschaft betrieb, und eine Essayistik, die insbesondere das Geschehen in anderen Weltregionen beleuchtet. Eine ukrainische Autorin schreibt über die Ukraine, ein syrischer Autor über Nahost.

«Die klassische, zum Teil heile, manchmal allzu heile Welt der 60er- und 70er-Jahre haben wir zugunsten einer grösseren, politisierten Vielfalt verlassen», stellt Martin Meyer fest, der als Redaktor seit 1974 und vor allem als Redaktionsleiter seit 1992 diesen Kurs massgeblich prägt. Das Feuilleton, das einzig die Kultur im engeren Sinne in den Mittelpunkt stellte, ist Vergangenheit. Eine allgemeine Tendenz in den Medien, die sich (noch) ein Feuilleton leisten.

Kritiker sind weiterhin nötig

Den «Tod des Kritikers» auszurufen hält Meyer, der einst in Zürich Geschichte, deutsche Literatur und Philosophie studierte, indes für verfehlt. Angesichts des riesigen Angebots an Kulturveranstaltungen und –produkten, angesichts der Komplexität und Geschwindigkeit der Welt seien Kritiker weiterhin nötig. Um zu analysieren und zu gewichten, um zu sortieren und zu urteilen.

Umfassend über die Welt nachdenken

Die «NZZ» ist dabei in einer verhältnismässig guten Position. Auch das geschrumpfte Feuilleton-Budget erlaubt es der Redaktion, pro Jahr zwei- bis dreitausend Artikel von freien Mitarbeiterinnen einzukaufen. Ein weit verzweigtes und fein verästeltes Netz von Fachspezialisten, deren Zeilenhonorare sich jedoch im letzten Jahrzehnt ungefähr halbiert haben. Martin Meyer will diese Kürzungen nicht kleinreden, weist jedoch auf die Verteilung der aktuellen Mittel hin. Die Alternative wäre, täglich statt vier bloss noch zwei Seiten zu produzieren, sagt er. Doch damit würde das Feuilleton seinem Anspruch und Auftrag nicht mehr gerecht: aus kultureller und gesellschaftspolitischer Warte umfassend über die Welt nachzudenken.

Was meinen Sie? Brauchen Sie ein Feuilleton? Wen soll ein Feuilleton bedienen – den Boulevard oder die Elite? Und wo sehen sie das klassische Feuilleton im Zeitalter der Online-Medien? Diskutieren Sie mit in den Kommentaren.

Sendung zu diesem Artikel