Die Bibel verurteilt Homosexualität: 5 Behauptungen, 5 Antworten

Eine Meinung über eine Religion haben viele rasch zur Hand. Selten stützen sich diese Argumente aber auf vertieftes Wissen. Warum bei Bibelthemen nicht einen Spezialisten fragen?

Video «Die Bibel: Stoff von gestern, Diskussionsstoff für heute» abspielen

Die Bibel: Stoff von gestern, Diskussionsstoff für heute

28 min, aus Sternstunde Religion vom 21.6.2015

Behauptung 1: Die Bibel ist ein Buch voll Märchen und Mythen.

Versteht man Märchen und Mythen als Erzählungen, die der historischen und naturwissenschaftlichen Realität widersprechen, so finden sich in der die Bibel tatsächlich solche Schilderungen. Die Bibel ist aber bei weitem nicht voll davon. Wichtig ist, dass auch solche Darstellungen dem Leser menschliche Erfahrungen näher bringen können.

Beispielsweise hat sich die Paradieserzählung im 1. Buch Mose Genesis 2-3 so nie zugetragen. Trotzdem nimmt sie grundlegende Themen auf und versucht diese zu erklären: Weshalb lebt der Mensch nicht im Paradies? Wieso haben Frauen Gebärschmerzen? Wieso muss der Mensch für seinen Lebensunterhalt arbeiten?

Behauptung 2: Die Bibel ist eine Ansammlung von Geschichten über Mord, Krieg und Vergewaltigung

Die Bibel enthält solche Erzählungen, ja. Aber in ihr finden sich auch Weisheitssprüche, Psalmen, prophetische Aussagen, Briefe, Geschichtsdarstellungen, Rechtssammlungen, Stammbäume und Erzählungen von Wundern, Heilungen, Bewahrung, von göttlicher Zuwendung und Segen.

Wäre die Bibel ohne die Texte über Mord, Krieg und Vergewaltigung ein besseres Buch? Bemerkenswert ist doch der Fakt, dass die verschiedenen Autoren der Bibel die urmenschlichen Themen von Gewalt und Tod nicht von Gott ferngehalten haben.

Behauptung 3: Die Bibel diskriminiert Frauen

Die Texte der Bibel entstanden zwischen 1000 vor Christus und 150 nach Christus. Die Bibel ist somit ein antikes Buch, das von den damaligen politischen und gesellschaftlichen Überzeugungen geprägt ist. Die Gleichberechtigung der Geschlechter ist eine der wichtigsten Errungenschaften der Moderne, die bis heute nicht in allen Weltgegenden gleich anerkannt ist.

Wenn die Bibel also von der Unterordnung der Frau spricht, ist dies im Kontext der Entstehungszeit zu lesen. Angesichts dessen ist die Bibelstelle im 1. Buch Mose Genesis 1,27 geradezu revolutionär. Sie besagt, dass Mann und Frau beide als Gottes Ebenbild geschaffen worden sind. So kommt ihnen die gleiche Würde und Verantwortung zu.

Behauptung 4: Die Bibel verurteilt Homosexualität

Die Bibel kennt weder den Begriff Homosexualität noch die Lebensform einer dauerhaften gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. In Gesetzestexten wie im 3. Buch Mose Leviticus 18 oder 20 werden gleichgeschlechtliche Sexualkontakte klar abgelehnt, da sie nicht der Fortpflanzung dienen. Gleichzeitig findet die Bibel aber keinen Anstoss an der Zuneigung, die David für Jonathan empfindet.

Die abwertenden Aussagen in der Bibel über die Homosexualität können heute nur dann als bindend empfunden werden, wenn man die Bibel buchstabengläubig und fundamentalistisch liest. Dagegen hat sich aber schon Paulus ausgesprochen: «Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig» (2. Korintherbrief 3,6).

Behauptung 5: Das Neue Testament löst das Alte Testament ab und macht es für Christen überflüssig

Diese Meinung vertrat der Markionismus – eine im 2. Jahrhundert gegründete Sekte, die aber nicht lange überlebte. Der Hauptstrang der christlichen Kirche hat immer daran festgehalten, dass die Bibel zwei Testamente umfasst. Die beiden Teile stehen dabei in keinem Verhältnis der Über- oder Unterordnung. Vielmehr kommentieren sie sich gegenseitig und enthalten sowohl theologisch evidente als auch kritisch zu lesende und interpretierende Aussagen.

Für Jesus und die ersten Christen bestand die Bibel nur aus dem Alten Testament, da das Neue Testament noch gar nicht existierte. Seine ersten Texte, die Paulusbriefe, entstanden gut zwanzig Jahre nach dem Tode Jesu. Ein Christentum ohne Altes Testament wäre wie ein Baum ohne Wurzeln.

Konrad Schmid

Konrad Schmid ist seit 2002 Professor für alttestamentliche Wissenschaft und frühjüdische Religionsgeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Literaturgeschichte des Alten Testaments.

Behauptungen zum Islam

Behauptungen zum Islam

«Der Islam strebt die Weltherrschaft an, Jihad ist der Weg dahin», «Muslime verachten Andersgläubige und Nichtgläubige» – Islamwissenschaftler Ahmad Milad Karimi antwortet in Teil 1, Teil 2 und Teil 3 auf Behauptungen zum Islam.

Zum Webspecial «Welten des Islam».

Behauptungen zur Bibel, Teil 2

«Das Neue Testament ist antisemitisch», «Jesus ist nicht am Kreuz gestorben», «Jesus wollte keine Kirche»: Was Theologe Konrad Schmid auf diese und weitere Behauptungen antwortet, können Sie hier lesen.