«Die Clowns lachen uns aus»

In den USA gehen böse Clowns um: Im Netz werden hunderte Fälle von «scary clown sightings» dokumentiert. Dabei erschrecken Menschen in Clownskostümen harmlose Passanten. Der Theaterwissenschaftler Richard Weihe erklärt, warum wir Angst haben vor einer Figur, die uns zum Lachen bringen soll.

Mann mit Clownperücke, weisser Schminke und roter Nase. Er steht im Halbdunkeln und macht ein ernstes Gesicht.

Bildlegende: Spätestens seit «Es» sind Clowns nicht mehr nur lustig, sondern oft auch böse und bedrohlich. Photocase/Carlo Pedersoli

Was halten Sie von diesem Phänomen der «scary clown sightings»?

Richard Weihe: Das Phänomen ist nicht neu. Es gab schon einmal so eine Welle, der berühmteste Fall war der «Northampton Clown». Der tauchte 2013 in Nordengland auf und hatte bereits eine unglaubliche Wirkung.

Wenn ein Clown ausserhalb des Zirkus als Nachtfigur erscheint, verliert er seine ursprüngliche, lustige Wirkung. Er wird unheimlich. Der Stummfilmschauspieler Lon Chaney hat mal gesagt: «Nothing funny about a clown in the moonlight.»

Warum ist das so?

Ich glaube, es gibt dafür zwei Erklärungen. Die eine ist, dass der Clown seinen Rahmen verliert. Er verlässt den Zirkus und tritt nun im sozialen Raum auf. Diese Verfremdung wirk unheimlich. Das zweite ist der Bezug zu Filmen wie «Es» nach dem Buch von Stephen King, den diese Figuren mit ihrer Kleidung herstellen.

«  Die ‹scary clowns› sind ein Alptraum, der manifest wird. »
Filmszene: Clown mit weis geschminktem Gesicht, roter Nase und roten Haaren schaut lachend in die Kamera.

Bildlegende: Ein Clown zum Fürchten: Tim Curry als «Pennywise» in der Verfilmung von Stephen Kings Roman «Es». Warner Bros. Television

Seit 20, 30 Jahren beherrscht der böse Clown den Film. Der Joker aus «The Dark Knight» ist auch so eine ambivalente Clown-Figur. Solche Figuren geistern in der zeitgenössischen Fantasie herum, und die werden aktiviert. Die «scary clowns» sind ein Albtraum, der manifest wird.

Ist es also der Kontext, der den Clown unheimlich macht? Das ist keine Eigenschaft, die in seiner Natur bereits enthalten ist?

Der Clown als Kulturerscheinung hat auch eine dunkle Seite. Das Klischee des Clowns ist der «dumme August» mit der roten Nase – der Rotclown. Er ist der Depp, der stolpert und scheitert, und man kann über ihn lachen. Er tritt meistens im Duo mit dem Weissclown auf.

«  Das Lachen des Rotclowns ist hämisch geworden. »

Aber es gibt eben auch den Schwarzclown: Den Harlekin, eine Figur aus dem französischen Drama des Mittelalters. Er ist der Führer der Höllenwesen. Oder auch die Mephisto-Figur und den Pierrot. Das sind Figuren, die das Clownskostüm pervertieren: Unter der Maske des Clowns wurden Mordtaten begangen. Diese dunkle Seite der Clownfigur ist im Zirkus nicht mehr präsent, aber sehr wohl in der Literatur und vor allem auch im Theater.

Hat das auch mit der Schminke und der Maske zu tun?

Es gibt die Coulrophobie, die Angst vor dem Clown. Sie stammt aus der Kindheit: Es gibt beim kleinen Kind ein spezifisches Alter, ab dem die Clownfigur unterhaltend ist, aber davor ist sie beängstigend.

Das Kleinkind deutet das verzogene Gesicht, die Grimasse, als etwas Fremdes. Das Gesicht ist unter der Maske nicht zu erkennen. Das hat für ein Kind einen Horroreffekt, das macht Angst.

Verliert der Clown seine ursprüngliche, lustige Wirkung, wenn er immer öfter auch als böse auftritt?

Die traditionellen Clownfiguren stehen in Konkurrenz zu den neuen, bösen Figuren. Während die Zirkusse Probleme haben, sich zu finanzieren, erreichen die Filme ein viel grösseres Publikum.

So wie ich das beobachte, werden so die poetischen, humanen Clowns verdrängt. Das Lachen des Rotclowns ist hämisch geworden: Er ist nicht mehr der «dumme August», den wir auslachen, sondern er lacht uns aus. Er stolpert nicht mehr, sondern wir sind in seine Falle getappt.

Gibt es da ein Gegenmittel? Was muss ich tun, um Clowns wieder lustig finden zu können?

Am besten geht man zurück zu Figuren, die nicht diesem Zirkus-Klischee des Clowns entsprechen. Wenn das Aussehen des Clowns pervertiert ist, sucht man am Besten eine Figur, die äusserlich weniger Clown ist: Charlie Chaplin zum Beispiel.

In «The Circus» stolpert Chaplin in die Manege. Alle lachen, und er verwandelt sich zum Clown. Diese lockere, kinderfreundliche Seite des Clowns findet man zum Beispiel auch bei Gardi Hutter.

Zur Person

Zur Person

Anna Bausch

Richard Weihe, geboren in Bern, ist Professor für Theorie und Praxis des Theaters an der Accademia Teatro Dimitri in Versio. Ausserdem unterrichtet er an der Bauhaus-Universität in Weimar. Er ist zudem als Übersetzer tätig und hat drei Romane verfasst.

Clown Sightings

Clown Sightings

Augehend von den USA werden seit August immer wieder «scary clowns» gesichtet: Menschen in Clownkostümen positionieren sich in Parks und am Strassenrand, um Passanten zu erschrecken. Es gab mehrere Fälle, in denen Clowns Menschen angriffen oder bedrohten. Die Fälle werden auf Twitter dokumentiert, Wikipedia zählt seit August über 100 Sichtungen.

Buchhinweis

Richard Weihe (Hg.): «Über den Clown: Künstlerische und theoretische Perspektiven». Edition Kulturwissenschaft, 2016.