«Stress in the City» Die Empfindsamkeit der Städter

Wie wirkt sich das Stadtleben auf die Psyche aus? Der Psychiater Mazda Adli erklärt, warum uns Städte krank machen. Und warum sie trotzdem gut für uns sind.

Menschengetümmel am Bahnhof

Bildlegende: Menschenmassen, Tempo und Einsamkeit – alles Faktoren, die in einer Stadt zu Stress führen können. Keystone

In London dauerte es ein Jahrhundert, bis die Bevölkerung von einer Million auf zehn Millionen anstieg. Heute wachsen manche Städte um mehr als 500'000 Menschen pro Jahr. Durch diese zunehmende Urbanisierung drängt sich die Frage auf, was dies für unsere physische und psychische Gesundheit bedeutet.

«Urban Advantages»

Diesem Thema hat sich der Psychiater Mazda Adli in seinem Buch «Stress and the City» verschrieben. Der Autor ist selbst ein überzeugter Städter. Er verteufelt das Stadtleben nicht. Im Gegenteil: «Städte sind gut für uns», sagt er.

In Städten gebe es mehr Wohlstand, eine bessere Gesundheitsversorgung und leichteren Zugang zu Bildung und kultureller Vielfalt. Das alles fasse man unter dem Begriff «Urban Advantage», also «Stadtvorteil» zusammen.

«Stress and the City»

Mazda Adli konzentriert sich aber vor allem auf die Kehrseite des urbanen Lebens. Denn das Stadtleben bringt nicht nur Herausforderungen wie Lärm und Dreck mit sich. Emotionale Herausforderungen, der soziale Stress, seien genauso zentral:

«Wir finden eine Häufung von Stressfolgeerkrankungen bei Stadtbewohnern. Dazu gehören zum Beispiel die Depressionen. Sie sind anderthalb mal so häufig in der Stadt zu finden wie auf dem Land. Auch die Schizophrenie kommt doppelt so häufig bei Stadtbewohnern vor.»

Empfindsame Städterinnen und Städter

Versuche zeigen, dass Menschen, die in der Stadt gross geworden sind, sensibler auf Stress reagieren. Bei ihnen seien die stressverarbeitenden Areale im Gehirn aktiver als bei Landmenschen. «Das bedeutet noch nicht, dass sie krank sind, nur dass das Gehirn empfindlicher auf Stress reagiert», sagt Adli.

Mazda Adli beschreibt anschaulich und persönlich das Stresspotential in der Stadt. Das städtische Tempo, die räumliche Beengtheit und auch die Einsamkeit in der Masse – alles Faktoren, die sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirken können, aber nicht müssen.

Armut als Faktor

In seinem Buch bezieht sich Adli auf seine eigene psychotherapeutische Praxis, zitiert aber auch zahlreiche wissenschaftliche Studien. Und er kommt immer wieder zum Schluss: Stadtstress ist relativ. Es gibt Menschen, die nehmen ihn in Kauf und geniessen dafür umso mehr die Vorzüge der Stadt. Nur können das eben nicht alle.

«Es gibt Menschengruppen, die sind von diesem ‹Urban Advantages› eher ausgeschlossen.» Wer arm ist, kann sich dem Stadtstress schlechter oder gar nicht entziehen.

Auch Migrantinnen und Migranten, die sich nicht zugehörig und fremd fühlen, seien einem chronischen Stressfaktor ausgesetzt. Dieser kommt zum normalen Stadtstress noch dazu und erhöht so das Risiko für psychische Krankheiten.

Eine Stadt für alle

Mazda Adli plädiert deshalb dafür, dass Architektinnen, Stadtplaner und Psychologinnen enger zusammenarbeiten. Sie sollten Städte zu noch lebenswerteren Orten machen – für alle.

Denn nach Adli haben die Städte das Potential, Kreativität, Flexibilität und Toleranz zu fördern. Und so ist das Buch «Stress and the City» auch eine Liebeserklärung an die Stadt. Die Stadt ist gut für uns, aber eben nicht unter allen Umständen.

Sendung, Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 21.7.2017, 11:30 Uhr

Mazda Adli

Porträt von Mazda Aldi

Imago/Rolf Kremming

Der Psychiater und Psychotherapeut wurde 1969 als Sohn einer iranischen Diplomatenfamilie in Köln geboren. Seit 2004 ist er Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité am Campus Mitte in Berlin. Dort leitet er eine eigene Forschergruppe.

Buchhinweis

Mazda Adli: «Stress and the City», C. Bertelsmann Verlag 2017.