Die entflammte Glaubensdebatte der Reformierten

«Hört auf zu glauben!» – so titelte kürzlich eine Sendung auf Radio SRF 2 Kultur. Eine Pfarrerin bekannte sich darin leidenschaftlich zu ihrem Beruf, an einen persönlichen Gott könne sie aber nicht glauben. Das löste bis über die Landesgrenzen eine Debatte über den Glauben der Reformierten aus.

Die gefalteten Hände eines älteren Mannes.

Bildlegende: Wie sehr soll man sich in der reformierten Kirche zum Glauben bekennen? Gebet in der evang.-ref. Kirche in Thalwil. Keystone

Selten zeitigte die Religionssendung Perspektiven so viele Nachwehen wie die vom 14. Juli dieses Jahres. Sogar «Die Zeit» und «Die Thüringer Allgemeine» berichteten über die «ungläubige Pfarrerin». Viele Schweizer Tages- und Kirchenzeitungen thematisierten den Fall.

Die teils kurzen Sensationsmeldungen wurden der Differenziertheit des halbstündigen Radio-Portraits über die Berner Pfarrerin Ella de Groot freilich nicht gerecht. Aber die Debatte war entfacht: Was müssen reformierte Pfarrerinnen und Pfarrer eigentlich glauben, um glaubwürdig zu sein? Wie stark dürfen ihre Glaubenszweifel an überkommenen Glaubenssätzen sein?

Helvetische Bekenntnis-Unlust

Dogmen oder gar ein Lehramt, das das Kirchenpersonal von oben disziplinieren würde, wie etwa in der römisch-katholischen Kirche, kennen die reformierten Schweizer Kirchen mit Stolz nicht. Trotzdem gelten hier dieselben altkirchlichen Bekenntnisse, etwa das apostolische Glaubensbekenntnis, das vom dreieinigen Gott, Jesu Auferstehung von den Toten und dem ewigen Leben spricht. Dieses Bekenntnis wird allerdings im Gottesdienst nur selten gesprochen, ganz anders als etwa in den lutherischen und unierten Schwesterkirchen der Reformation.

Eine wahre Bekenntnis-Unlust offenbarte sich in den letzten drei Jahren, als ein neuer Bekenntnistext, ein neues «Credo» für die Schweizer Reformierten formuliert werden sollte. Die Idee dazu war von einigen Theologen und vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund lanciert worden und verlief sprichwörtlich im Gemeindesand. Der Rücklauf aus den Kirchgemeinden war gering. Ein neuer Credo-Text entspricht offensichtlich keinem Bedürfnis im Kirchenvolk. «Selber denken! Die Reformierten» – so hatte ja auch der Slogan einer Image-Kampagne der Reformierten gelautet, der die Befindlichkeit wohl besser trifft.

Den Glauben festmachen können – eine Profilierungsdebatte?

Portrtät der Pfarrerin vor dem Schild ihres Kirchgemeindehauses.

Bildlegende: Die Berner Pfarrerin Ella de Groot löste mit ihren Aussagen am Radio eine Welle von Reaktionen aus. Kirchgemeinde Muri-Gümligen

Kann bei den Reformierten also jeder und jede glauben, was sie will? – «Ja, aber…» ist eine häufige Antwort darauf, aber eben auch «Ja, und?!» Gerade bei jüngeren Pfarrerinnen und Pfarrern ist jetzt jedoch ein Gegentrend zu erkennen: In der Glaubensdebatte um Ella de Groot meldeten sich elf Berner Jungpfarrerinnen und Jungpfarrer zu Wort. In einer öffentlichen Stellungnahme erklärten sie, dass der Glaube an einen persönlichen Gott, an das grosse Du als göttliches Gegenüber konstitutiv sei für ihren christlichen Glauben, und darum auch unerlässlich für das Pfarrersein.

Gottvergessene Gesellschaft

Mit Leidenschaft vermag diese jüngere Generation klug zu sagen, was und dass sie glaubt. Ihr öffentliches Bekennen mag durchaus auch als Profilierungsversuch im säkularen Umfeld verstanden werden. Ihrer und einer wachsenden Zahl Theologinnen und Theologen nach müssten die Reformierten deutlicher sagen, wofür sie stehen und woran sie glauben, gerade angesichts einer immer gottvergesseneren Gesellschaft.

Landeskirche plädiert für Glaubenspluralismus

Die demokratisch gewählte Berner Kirchenleitung tritt derweil für die Bekenntnisvielfalt der Reformierten ein. Aufgrund von Protesten und Medienberichten sah sich die Kirchenleitung der reformierten Kantonalkirche Bern-Jura-Solothurn aber veranlasst, sich offiziell hinter – oder vor – ihre unkonventionelle Pfarrerin de Groot zu stellen: Das Spektrum der reformierten Kirche sei gross.

Ihrem Auftrag, das Evangelium nach bestem Wissen und Gewissen zu verkündigen, werde die Pfarrerin gerecht; alles weitere sei im offenen Disput auszutragen.

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