Die Euphorie der russischen Protestkünstler ist verflogen

Als die Pussy Riots 2012 in einer Moskauer Kirche mit ihrem «Punk-Gebet» Russland erschütterten, war das der Höhepunkt des politischen Widerstands in Russland. Kunstschaffende waren damals ein wichtiger Teil des Aufstands. Zwei Jahre später ist Ernüchterung eingekehrt, die Stimmung hat gekehrt.

Als Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina im Dezember aus der Haft freigelassen wurden, war eine der meist gestellten Fragen, ob sie neue Aktionen planen. Nein, erklärten sie in Interviews, sie wollten in nächster Zukunft für die Rechte der Gefangenen kämpfen. Zu diesem Zweck hätten sie bereits eine Organisation gegründet.

Nun ziehen sich also die beiden wichtigsten Pussy-Riot-Miglieder vom Kunstbetrieb zurück. Von der Gruppe, die immer noch existiert, hört man ohnehin in letzter Zeit nicht viel – genauso wie von den meisten anderen russischen Protestkünstlern. Vor zwei Jahren, als Pussy Riot ihr «Punk-Gebet» in der wichtigsten Moskauer Kirche veranstaltete, war das noch ganz anders.

Aus Spass wurde bitterer Ernst

Damals war der politische Widerstand auf seinem Höhepunkt – und die Protestkunst war ein wichtiger Bestandteil davon. Zahlreiche Künstler, Musiker, Schriftsteller, Schauspieler und Galeristen wirkten auf verschiedenste Art und Weise mit. Der Dichter Dmitrij Bykow reagierte auf aktuelle Ereignisse mit spritzigen Satiren in Versform – Millionen schauten sich die Videos davon im Internet an. Hunderte von Menschen versammelten sich in Nowosibirsk zu «Monstrationen», den dadaistisch angehauchten Protest-Happenings des Künstlers Artem Loskutow. Moskauer Art-Zentren organisierten Veranstaltungen und Ausstellungen. Eine war selbstgemachten Plakaten und Objekten gewidmet, von denen es auf jeder Demo nur so wimmelte. Deren Gestaltung und Texte waren derart kreativ, dass man vom «Kunstschaffen der Massen» sprach, von einer neuen Form der Protestkultur in Russland.

Populär war auch der musikalische Protest: Pop- und Rock-Stars, sogar prominente und weniger prominente Nicht-Musiker, sangen und rappten auf Youtube – mit grossem Publikumserfolg gegen Putin. Trotz der scharfen Kritik an der Macht war das meist sehr witzig und verspielt – man sah den Menschen den Spass am Protestieren an. Aus Spass wurde erst bitterer Ernst, als die Pussy-Riot-Frauen verhaftet und verurteilt wurden.

Die Gesellschaft wachrütteln

Seither hat sich in Russland viel geändert. Euphorie und Aufbruchstimmung sind verflogen, der politische Widerstand inspiriert die Künstler nicht mehr. Die breite Protestbewegung ist – ohne ein konkretes Programm, ohne anerkannte Führungsfiguren – zerfallen. Viele Protestteilnehmer sind durch Repressionen gegen die Demonstranten eingeschüchtert. Auch für Kunstschaffende hatte das Folgen: Der Galerist Marat Gelman, der wichtigste Förderer der oppositionellen Kunst, wurde letztes Jahr vom Museum der modernen Kunst PERMM entlassen. Grund: die Plakat-Ausstellung «Welcome! Sochi 2014» von Wassilij Slonow. Protest-Ausstellungen und -Veranstaltungen werden bis heute immer wieder zensuriert oder gestrichen.

Nicht, dass es gar keine kritischen Künstler mehr gäbe. Doch nur ein Bruchteil dessen, was sie machen, findet ein breites Echo – nur das Radikalste. Das letzte Mal war das im November 2013 der Fall: Als Pjotr Pawlenskij auf dem Roten Platz seine Hoden auf den Boden festnagelte. Nackt, mit gesenktem Kopf sass er dort ein paar Minuten als eine Art Skulptur, bis ihn die Polizei abdeckte und «wegräumte». «Der nackte Künstler», erklärte er später, «der auf seine am Kremlboden angenagelten Hoden schaut, ist eine Metapher für die Apathie, für die politische Indifferenz und den Fatalismus der modernen russischen Gesellschaft.» Er protestiere nicht gegen die Macht, sondern wolle die Gesellschaft aus diesem Zustand wachrütteln.

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