Die IS-Jäger – dem Unrecht auf der Spur

Fast überall, wo irakische und kurdische Truppen in der Schlacht um Mossul vorstossen, finden sie Massengräber. Männer, Frauen, Kinder – alle vom IS ermordet. Auch in Syrien sind die Jihadisten mit der gleichen Brutalität vorgegangen. Wer zieht sie zur Rechenschaft?

Miral B. (Name geändert) kennt die Bilder von den furchtbaren Folgen der IS-Herrschaft nur allzu gut. Seit Jahren verfolgt er die Untaten der Jihadisten genau, sammelt Beweise für die Taten.

Wie ein Besessener sitzt er Nacht für Nacht in seinem kleinen Zimmer im Ruhrgebiet und spricht via Internet mit seinem Team in Syrien.

30 Menschen arbeiten mit und für ihn, angetrieben von einer Vision von Gerechtigkeit und von Strafen für die Täter. Selbst in den Gebieten, in denen der IS noch herrscht, sammeln sie undercover Beweise.

Die Verbrechen des IS werden aufgedeckt – mitsamt der Täter

Ein Fall, den die Gruppe von Miral B. relativ gut dokumentiert hat, ist ein Massaker, das der IS nach der erfolglosen Belagerung der syrischen Stadt Kobane begangen hat: Die Jihadisten verkleideten sich als kurdische Soldaten, marschierten in eine Kaserne der kurdischen Miliz, töteten Dutzende von dort Schlafenden.

Danach verschanzten sich die IS-Kämpfer im einzigen Krankenhaus der Stadt, das zerstört werden musste, um sie zu vertreiben.

Miral B.'s Gruppe hat anhand der Erde an ihren Autoreifen aufgearbeitet, woher diese Jihadisten kamen und welche IS-Truppenteile beteiligt waren.

Sie wissen, wer wirklich hinter den Masken steckt, mit denen die Jihadisten so gerne ihre Identität verbergen.

Miral B.'s Hoffnung: Eines Tages die Jihadisten vor dem Internationalen Strafgerichtshof zu sehen, als gewöhnliche Kriminelle, ohne ihre Aura allmächtiger Mörder, kläglich reduziert auf Akten und der menschlichen Justiz ausgeliefert.

Egal welche Kriegspartei: Die Verbrechen sind dokumentiert

Die gleiche Hoffnung treibt auch Mohammed Abdallah, Direktor des Syria Justice and Accountability Centre in Washington. Auch seine NGO sammelt Beweise für Verbrechen.

Ein verwundeter Rebell wird verarztet.

Bildlegende: Zu beliebt für den IS: Krankenpfleger Qoutaiba Muhammad (rechts). Alexander Buehler

«Wir wollen einen Justiz-Mechanismus für Syrien aufbauen. Nicht nur für Prozesse,Verurteilungen und Haft, sondern auch Reparationsprogramme.» Sein Institut habe lange Listen von Ermordeten, aber auch von an Leib und Leben versehrten.

Seit seiner Etablierung, hat das Zentrum durch Mitarbeiter in Syrien und eigene Recherchen eine halbe Million Seiten Regierungsdokumente und über 600'000 Videos in einer Datenbank gesammelt. Über 250'000 Namen von Opfern und Tätern sind bekannt. Denn Abdallah versucht das Unrecht auf allen Seiten zu erfassen.

Er zeigt auf einen Ordner: «Hier sind Befehle aus der Geheimdienstzentrale in Damaskus, Studenten zu überwachen. Manche der Genannten wurden verhaftet und zu Tode gefoltert.»

Fehler wie im Irak vermeiden

Sie tauchen später in den «Cäsar»-Fotos auf: Der Militärfotograf «Cäsar» übergab 11'000 Fotos von Entführten aus den Geheimdienstkellern an die UN, Beweise für die systematische Folter durch das Assad-Regime.

Abdallah zeigt ein Video: «Das ist eine Gruppe Soldaten, die einen Zivilisten foltern. Bei diesem Soldaten kann man Name, Rang und Regiment erkennen.» Auch das Gesicht des Opfers ist klar erkennbar. «Dann gibt es ein Video von der Leiche des Gefolterten. Mit einem Regierungs-Haftbefehl.»

Doch Abdallah sieht die gesammelten Beweise nicht nur als Voraussetzung für einen Frieden in Syrien oder Irak. Ihm geht es um Gerechtigkeit und Wiedergutmachung für den Einzelnen, sondern auch um eine heilende Wirkung für die ganze Gesellschaft, erklärt er: «Wir brauchen eine Aufarbeitung, wir brauchen Hilfsprogramme, damit sich nicht die gleichen Fehler wie im Irak wiederholen.»

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