Die Newsflut schrumpft die Welt auf ein Like oder einen Shitstorm

Schlag auf Schlag werden heutzutage Nachrichten publiziert. Das riesige Mass an Informationen fordert uns, es überfordert auch oft: Wie soll man damit umgehen? Eine Publizistik-Professorin, ein Psychiater und eine Pfarrerin erzählen, wie sie die Medienwelt heute erleben.

Eine Frau sitzt an einem Schreibtisch. Ihr kommen Briefe entgegen.

Bildlegende: Problem Informationsflut: Bei so vielen Informationen ist es oft schwierig zu filtern, was wichtig ist – und was nicht. Getty Images

«Es ist gut, nicht ständig online sein» – Eszter Hargittai

Eszter Hargittai

Bildlegende: Offen sein für andere Sichtweisen: Das ist Eszter Hargittais Tipp. Universität Zürich

Eszter Hargittai, Professorin für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Zürich, mag nicht von Informationsflut sprechen. Sie betont, dass die Konsumentinnen und Konsumenten die Vielfalt des Medienangebots schätzten.

Wer Vertiefung wünsche, könne diese heute leicht bekommen. Er habe jedoch eine Wahl zu treffen: «Wir müssen darüber nachdenken, welche Themen uns wirklich interessieren. Wichtig ist, offen zu sein für neue Inhalte und Sichtweisen. So lernen wir etwas über die Welt. Man muss sich auf mehrere Informationsquellen stützen. Beschränkt man sich auf eine einzige, gerät man in die Falle und bekommt eine einseitige Sicht.»

«  Die Medien sollten Sensationslust und Informations-Schnipsel vermeiden »

Hargittai sagt auch: «Es ist gut, nicht die ganze Zeit online zu sein. Mich stimmt es zuversichtlich, wenn ich in den Park gehe. Da sehe ich viele Leute, die Zeit miteinander verbringen.»

Die Menschen verlangten nach Hintergrundinformationen, um die Turbulenzen der Zeit besser zu verstehen. Daraus folgt Eszter Hargittais Rat an die Hauptnachrichtenproduzenten:«Die Medien sollten Sensationslust und Informations-Schnipsel vermeiden. Sie sollten stattdessen in die Tiefe gehen.

Da stellt sich die Frage nach dem Geschäftsmodell. Ein hintergründiger Journalismus benötigt Zeit – und Geld. Der beste Weg, damit die Medien das Vertrauen der Konsumenten zurückgewinnen, sind gründliche Recherchen und die Berücksichtigung verschiedener Blickwinkel in der Berichterstattung.»

«Sofort eine Meinung, sofort das Ressentiment» – Daniel Strassberg

Daniel Strassberg vor einem Bücherregal.

Bildlegende: Das Problem ist nicht die Schnelligkeit – sondern die schnelle Meinungsbildung, findet Daniel Strassberg. ZVG

Daniel Strassberg, Psychiater, Psychoanalytiker und Philosoph, hebt hervor, dass wir heute Empfänger und Sender von Nachrichten sind. Für die Auswirkungen des Newsstrudels auf die Menschen sei das wesentlicher als die schiere Menge: «Wir bewerten die Nachrichten sofort. Weil wir sie nicht verarbeiten und sie intellektuell nicht verstehen können, produzieren wir dauernd Meinungen.»

Das erspare uns geistige und psychische Energie: «Für die Bewirtschaftung von Meinungen in dieser Menge ist es besonders günstig, wenn die Fakten überhaupt keine Rolle mehr spielen. Beispielsweise in der Minaretts-Diskussion oder bei der Diskussion um die Burka geht es nur um die Produktion von Meinungen.»

Diese Sofortproduktion von Meinungen erzeuge «im Normalfall ein einziges Gefühl: das Ressentiment. Ein Beispiel: ‹Burka? Finde ich scheisse.› ‹Warum?› ‹Einfach! Das wird man ja sagen dürfen›. Ganz kurz kann auch einmal das Gefühl der Empathie produziert werden – etwa bei der Foto des ertrunkenen Kindes am Strand.»

«  Wenn man einfach nur poltern will, wird Politik unmöglich. »

Doch meist dominiere das Ressentiment. Es bestimme heute die politische Landschaft. Die Komplexität der Welt schrumpfe auf ein Like oder einen Shitstorm. Die Informationsflut führe zu einer Entpolitisierung, stellt Daniel Strassberg fest: «Es gibt keine Aushandlung von Interessen mehr, weil diese Aushandlung auch ein Eingehen auf die Interessen des Anderen erfordert.»

Einander zuzuhören und zu argumentieren, das finde nicht mehr statt. Wie die Brexit-Abstimmung gezeigt habe, obsiege das Ressentiment sogar über eigene Interessen: «Wenn man einfach nur poltern will, wird Politik unmöglich.»

Caroline Schröder Field.

Bildlegende: Viel Schlimmes passiert auf der Welt – doch was kann man dagegen tun? Caroline Schröder Field stellt sich diese Frage. ZVG

«Den Blick auch nach aussen richten» – Caroline Schröder Field

Für Caroline Schröder Field, Münsterpfarrerin in Basel, führt die Informationsfülle zu einem Grundgefühl der Ohnmacht: «Für viele ist es ein Problem, dass sie sehen, wo es überall brennt und wo sie sich einsetzen müssten. Sie realisieren, dass sie vollkommen an dem vorbeileben, was in der Welt passiert. Und die bereits tatkräftig Engagierten werden das Gefühl haben, was sie tun, sei nur ein Tropfen auf den heissen Stein.»

Die Schere zwischen den Schrecken der Nachrichten und dem privaten Glück im westeuropäischen Wohlstand gehe bei vielen weit auseinander. «Dieser Widerspruch geht bis ins Existenzielle. Als Pfarrerin, die Gottesdienste gestaltet, komme ich spätestens an diesen Punkt, wenn ich die Fürbitte formuliere. In dieser Form der christlichen Tradition wird der Blick nach aussen gerichtet: Wir sehen von uns selbst ab und schauen auf das, was wir unter der Woche als die Brandherde unserer Gesellschaft oder der Welt erfahren haben.»

«  Es ist nicht heilsam, dass man sich zurückzieht oder abstumpft. »

Wie das Brauereipferd mit Scheuklappen durch die Welt zu traben und sich dem Nachrichtenstrom weitestgehend zu entziehen, löst für Caroline Schröder Field die Überforderung durch die Informationsfülle nicht: «Aus der Sicht der theologischen Anthropologie ist es nicht heilsam, dass man sich zurückzieht oder abstumpft. Weil dann auch das Freiheitsgefühl, die Selbsttätigkeit, das Verantwortungsbewusstsein, was alles Merkmale unserer Menschlichkeit sind, verloren gehen.»

Ihre Grundhaltung sei deshalb «die Ermutigung zum Blick auf den Nächsten, auf die Zeitgenossin, die neben mir lebt, ohne dass ich sie kenne. Dieser Blick fordert mich heraus, tätig zu werden und nicht nur bei mir selbst zu bleiben. Das ist ein Wert, der tief in unsere Kultur eingepflanzt ist. Das ist eine Chance auch in unserer heutigen Überflutung durch Nachrichten.»

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