Die niederländische Kirche spricht virtuell zu ihren Schäfchen

Immer mehr Gläubige wenden sich ab von ihrer Kirche. Um Abtrünnigen, die dennoch Antworten auf ihre Sinnfragen suchen, etwas zu bieten, hat die protestantische Kirche der Niederlande das erste digitale Gotteshaus Europas gegründet.

Zwei Hände sind zu sehen: In einer Hand ist ein iphone, in der anderen eine Gebetskette.

Bildlegende: Smartphones und Gebetsketten schliessen sich heutzutage nicht mehr aus. Reuters

Fred Omvlee stellt jede Woche eine Predigt ins Netz. Dabei handelt es sich nicht um den sonst üblichen halbstündigen Sermon, sondern um einen mit Musik untermalten Zweiminutenfilm, den der Internet-Pfarrer immer an einem anderen Ort aufnimmt. Mal sieht man den 47-Jährigen in einer Einkaufsstrasse, mal lässt er sich in einem Park filmen, oder er kniet in Ufernähe an einem Fluss, so dass das Rauschen des Wassers gut zu hören ist. Die Themenpalette seiner Predigten ist breit: Gott, der Himmel oder Jesus werden genauso behandelt wie Freundschaft, der Vatertag oder das Nachhausekommen nach den Ferien.

Mit dem Pfarrer chatten und skypen

Politische Botschaften gehören mit Absicht nicht dazu. «Ich will mich zu gewöhnlichen Lebensfragen äussern, zu Krankheit, Glück oder zu Rückschlägen», sagt der Online-Pfarrer via Skype. Wichtig ist ihm dabei der Austausch mit seinem Publikum, das er nach jeder Predigt bittet, seine Erfahrungen mit ihm – respektive mit der Community seiner Website – zu teilen. Gleichzeitig ermuntert er die Besucherschar, eine virtuelle Kerze anzuzünden oder ein Foto mit einem anregenden Text auf der Site zu posten.

Natürlich dürfen alle seine Kirche besuchen. Aber das Angebot richtet sich in erster Linie an Menschen mit einem «leicht religiösen Bedürfnis», wie er sagt. Unterdessen hat der Pfarrer festgestellt, dass die meisten seiner Internet-Gäste zwischen 25 und 70 Jahre alt sind und «ernsthaft im Leben stehen». Pro Woche surfen mehr als 10'000 Besucherinnen und Besucher auf der mittlerweile drei Monate alten Website mijnkerk.nl. Und auf Facebook haben fast 1000 Besucher auf den nach oben zeigenden Daumen geklickt. Mit mehreren Dutzend Interessierten hat der digital tätige Gottesmann zudem direkten Kontakt via Chat, Mail, Skype oder mit dem Handy, dessen Nummer auf der Internetseite ganz einfach zu finden ist.

Nicht die reale Kirche ersetzen

Er sei zufrieden mit dem Echo, sagt Fred Omvlee. Die Reaktionen seiner virtuellen Schäfchen zeigten ihm, dass die fromme Website ein echtes Bedürfnis abdecke. Tatsächlich entpuppt sich die Internet-Kirche, die von drei Halbtages-Mitarbeitern bewirtschaftet wird, bisher als ein billiges Mittel, um sehr viele Leute zu erreichen. Konventionelle Gotteshäuser können von zehntausend Kontakten pro Woche nur träumen.

Trotzdem ist für den Internet-Geistlichen klar, dass die virtuelle Gotteswelt die echte Kirche nicht wird ersetzen können. Mit mijnkerk.nl wollten sie einfach etwas bieten, was es bisher noch nicht gegeben habe, erklärt Omvlee: «Wir wollen den Menschen das Gefühl vermitteln, dass sie nicht alleine sind, sondern zu ihnen sagen: Du darfst auch mit deinem Laptop dazugehören.»