Die Ressourcen der 60- bis 70-Jährigen werden unterschätzt

Sie ist selbst im Rentenalter und hat keine Lust auf den Ruhestand: Prof. Dr. Margrit Stamm, emeritierte Ordinaria für Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg. Eigentlich ist sie Expertin für Begabungsforschung im Kindesalter. Nun untersucht sie diesbezüglich ihre eigene Peergroup.

Zwei ältere Menschen beim Diskutieren

Bildlegende: Die mit dem Alter verbundenen Chancen werden gesellschaftlich weitgehend ignoriert – zu Unrecht. Keystone

Es beginnt schon bei ihrer Erscheinung: Schlank und rank empfängt sie einen an ihrem neuen Forschungsort in der Berner Altstadt. Streichholzkurzes blondes Haar, knallrotes Strickkleid und eine Arbeitsumgebung mit kargem, modernem Design. Margrit Stamm hat da ihr neues Institut gegründet. «Swiss Education Bern» heisst es unschweizerisch – weil die Rentnerin forscherisch international unterwegs ist.

Weg von der Defizitperspektive

Die frisch pensionierte Forscherin hat sich ein Leben lang für die Ressourcen von Menschen interessiert. Sie gilt schweizweit als Frühföderspezialistin und Begabungsexpertin. Immer haben sich ihre wissenschaftlichen Arbeiten auf Kleinkinder, Schulkinder und Jugendliche fokussiert. Nun erforscht sie die Schätze der Babyboomer. Damit stösst sie in eine Forschungslücke vor.

In ihrem jüngst publizierten Dossier «Talente und Expertise der Babyboomer» fordert Margrit Stamm: «Die Altersdebatte ist eine Angstdebatte. Die mit dem Alter verbundenen Chancen werden weitgehend ignoriert. Deshalb ist ein Perspektivenwechsel notwendig: Weg von der Defizitperspektive hin zu einem ressourcenorientierten Blick auf das, was ältere Menschen können, wissen und auch möchten».

Forscherin Margrit Stamm mit Studierenden.

Bildlegende: Forscherin Margrit Stamm fordert ein ressourcenorientiertes neues Altersbild. margritstamm.ch

Die privilegierten jungen Alten

500 Babyboomer nimmt Margrit Stamm genau unter die Lupe. Sie sind zwischen 1945 und 1955 geboren. Diese Nachkriegsgeneration ist geburtenstark und die erste Generation, die in einer einmaligen Wohlstandsperiode und Friedenszeit gross geworden ist. Sie ist geprägt von einer globalisierten Jugend- und Musikbewegung sowie einer raschen Auflösung traditioneller Wert- und Normvorstellungen.

Sie hat sich sexuell befreit und enorm profitiert von der Bildungsexpansion in den 1970er-Jahren. Es ist eine selbstbestimmungsverliebte Generation mit grossem Selbstbewusstsein und viel Reformlust. Kein Wunder, wird diese Generation auch ihr eigenes Altern nicht einfach der gesellschaftlich herrschenden Norm überlassen.

Ruhestand – nicht unbedingt

Mehr als ein Viertel der bereits pensionierten Babyboomer, die in der «Stammstudie» mitgemacht haben, hätten gerne noch weitergearbeitet, wenn man sie nur gelassen hätte. Die Hälfte der Befragten, die beruflich noch aktiv sind, sehen im Ruhestand nicht einfach nur ihr ersehntes «dolce farniente», sondern sind durchaus gewillt, aktiv zu bleiben.

«Ein Grossteil von meinen Befragten ist beruflich sehr zufrieden, gut ausgebildet und hat auf vielen Gebieten viel zu bieten», sagt die muntere Forscherin. Sie begrüsst die Gedanken des Schweizerischen Gesundheitsministers Alain Berset zur Flexibilisierung des Rentenalters. Damit ist sie in guter Gesellschaft.

Das Jahrhundert des Alters

«Das Alter ist die radikalste Form der Unfertigkeit.» So bringt der weltberühmte Altersforscher Paul Baltes auf den Punkt, was auch andere Gerontologen längst schon postulieren: Nie sind die Menschen so verschieden wie im Alter. Die Summe des gelebten Lebens macht sie untereinander unvergleichlicher als jüngere Menschen.

Das bringt mit sich, dass ein einheitliches Rentenalter keinen Sinn macht. «Für das Individuum nicht, für die Gesellschaft nicht, für die Volkswirtschaft nicht und schon gar nicht für die Zukunft», sagt die motivierte Forscherin im Rentenalter. Mit statistischer Wahrscheinlichkeit wird sie 82,8 Jahre alt werden. Und weil sie eine Frau und wohlsituiert ist, wird sie wohl diesen Mittelwert überbieten.

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