Die Schweiz streitet um Marignano – aber ohne Romandie und Tessin

Was im Wahljahr 2015 in der Deutschschweiz heiss debattiert wird, löst jenseits von Saane und Gotthard nur Stirnrunzeln aus. Der Streit zwischen Historikern und Politikern um Schweizer Geschichte – beispielsweise die Schlacht um Marignano – findet ohne die Romandie und das Tessin statt.

Auf einer farbigen Skizze sind Soldaten mit Lanzen und Rüstungen zu sehen, die alle in dieselbe Richtung marschieren.

Bildlegende: Ausschnitt aus einer Skizze zu «Rückzug von Marignano» von Ferdinand Hodler (1853–1918) aus dem Jahr 1897. Wikimedia/Christie's

Im Wahljahr versucht die SVP die Gunst der historischen Konstellation zu nutzen. Und so lebt die berühmte «Schlacht der Giganten» – das Aufeinandertreffen der Franzosen und Eidgenossen in Marignano im Jahre 1515 – wieder auf. 500 Jahre später, und mit aktuellem Personal. Es duellieren sich auf dem Podium: Christoph Blocher, Chefstratege der SVP. Und Thomas Maissen, Historiker und Leiter des Deutschen Historischen Instituts in Paris. Damit ist er so etwas wie die moderne Verkörperung des eidgenössischen Söldners.

Schweizer Geschichte oder ...

Während Blocher in Marignano «eine der Wurzeln» der Neutralität erkennt, fehlen Maissen dafür schlicht die Quellen. Kein einziges Dokument dieser Zeit erwähne den Begriff wörtlich. Und Soldaten habe die Eidgenossenschaft fortan sowieso freimütig gestellt, gegen gutes Entgelt versteht sich. «Ist das ihre Vorstellung von Neutralitätspolitik?», so Maissens rhetorische Frage an Blocher.

... Schweizer Märchen?

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Massimo Rocchi über Marignano

0:48 min, vom 29.4.2015

Laut Maissen gehört «neutral seit Marignano» damit definitiv in das Land der Märchen, mit dem keine Politik gemacht werden könne – genau wie all die schönen Heldengeschichten vom Rütlischwur bis zu Wilhelm Tell. Maissens aktuelles Buch, «Schweizer Heldengeschichten und was dahintersteckt», versammelt sie alle: grosse Schweizer Mythen, bei denen oft jedoch vergessen geht, dass sie einen guten Teil unseres Landes ausschliessen.

«Wir spielen auf dieser mythologischen Bühne nur die zweite Rolle», sagt denn auch der renommierte Westschweizer Publizist, Jacques Pilet, lapidar. Einige Waadtländer waren vielleicht in Marignano, aber auf der Seite des Gegners, des französischen Herrschers François I.

«Wir waren nicht dabei»

Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entstand so erst im 19. Jahrhundert. Der Kanton Waadt beispielsweise trat 1803 der Eidgenossenschaft bei. Fast 300 Jahre nach Marignano. Es ist nicht erstaunlich, dass die SVP in der Romandie gar nicht erst auf die Idee kommt, diese Debatte für ihren Wahlkampf auszuschlachten. Pilet findet es geradezu lächerlich, in Marignano nach Spuren der modernen Schweiz zu suchen. «Wenn schon, dann taugt General Guisan mehr, der für die Einigkeit der ganzen Schweiz im 20. Jahrhundert steht.»

Noch besser täten wir aber daran, uns im Heute um gute Kontakte zum damaligen Gegner Frankreich zu kümmern. Auch dieser Schlenker in die Aktualität beweist, dass es bei der grossen Geschichts-Debatte vielmehr um Politik geht, als um einen Streit zwischen unterschiedlichen historischen Positionen.

Ausstellungshinweis

Die Ausstellung «1515 Marignano» im Landesmuseum in Zürich zur Schlacht um Marignano läuft noch bis zum 28. Juni 2015. Ursachen und Folgen des Krieges zwischen Eidgenossen und Franzosen werden beleuchtet, aber auch die Frage nach dessen Bedeutung für die Schweizer Politik wird diskutiert.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Morgarten, Marignano, Mythenbildung – die Schweiz im Clinch

    Aus Kulturplatz vom 29.4.2015

    Ein Thema beherrscht im Moment die politische Debatte: Was sind die Schweizer Mythen eigentlich wert? Während Historiker wie Thomas Maissen versuchen, die alten Heldengeschichten zurechtzurücken, weben die Nationalkonservativen unter Christoph Blocher genüsslich am Stoff, aus dem die Schweizer Neutralität sein soll. Rückwärts geht der Blick, 500 Jahre bis zu Marignano – ein Deutschschweizer Sonderfall jedoch, der die französische Schweiz ausschliesst.

    Richard Herold

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