«Die treusten Paare, die ich kenne, sind schwule Paare»

Homosexualität und gleichgeschlechtliche Partnerschaften spalten die Kirchen. Die römisch-katholischen Kirche versucht an ihrem Grundsatz festzuhalten. Doch wie geht die reformierte Kirche mit dem Thema um? Pfarrerin Sibylle Forrer exponiert sich – und erntet Lob.

Die Hände von zwei weiss gekleideten Frauen, die sich halten.

Bildlegende: Egal ob schwul oder hetero: «Als Christin bin ich verpflichtet, liebevolle Beziehungen zu schützen» sagt Sibylle Forrer. Keystone

Segnungen von gleichgeschlechtlichen Paaren in reformierten Kirchen: geht das?

Sibylle Forrer:Ja, das geht schon seit einigen Jahren, seit es in der Schweiz die eingetragene Partnerschaft gibt. In der Zürcher Kirchenordnung zum Beispiel steht, dass diese Segnungen möglich sein müssen. Aber gleichwohl bleibt es dem Gewissen jeder Pfarrperson überlassen, ob sie gleichgeschlechtliche Paare segnen will oder nicht. Es gibt keinen Zwang.

Eine gleichgeschlechtliche Segnung ist also gekoppelt an die staatliche eingetragene Partnerschaft?

Kein Paar, auch kein heterosexuelles Paar, kann in die Kirche kommen und eine Trauung wünschen, wenn es keine zivilrechtliche Eheschliessung nachweist. Nur so können wir die Trauung durchführen und die Trauurkunde ausstellen. Selten kommt es vor, dass heterosexuelle Paare sagen, wir wollen nicht heiraten, aber wir wollen für unsere Beziehung ein kirchliches Fest machen. Dann schlagen wir, wie bei den homosexuellen Paaren, eine Segnung vor. Doch theologisch unterscheidet sich die Segnung nicht von einer Trauung.

Ist das nicht ein fauler Kompromiss: Es ist den Pfarrpersonen überlassen, ob sie homosexuelle Paare segnen wollen oder nicht?

Das ist bei uns in vielen Bereichen so. Ein Pfarrer kann auch ein heterosexuelles Paar ablehnen, wenn er das Gefühl hat, da stimme etwas nicht. Natürlich kommt das praktisch nie vor. Wir Reformierte haben grosse Freiheiten. Meine persönliche Meinung: Wenn die Ehe für alle zivilrechtlich eingeführt wird, kann es der Pfarrperson nicht mehr freistehen, ob sie homosexuelle Paare trauen will oder nicht. Dann muss die Kirchenordnung klar sagen, dass solche Trauungen zum kirchlichen Leben gehören.

Ist das nicht typisch für die reformierte Kirche, dass sie keine Stellung bezieht, sondern die Forderung nach gleichgeschlechtlichen Segnungen an zivilrechtlichen Bestimmungen koppelt und es ansonsten den Pfarrern überlässt, zu entscheiden?

Wie gesagt: Früher oder später wird die reformierte Kirche Stellung beziehen müssen, da kommt sie nicht drum herum.

Woher kommt der Widerstand?

Der kommt von Theologen und Pfarrpersonen, die glauben, Homosexualität sei keine Lebensform, die Gott für Menschen vorgesehen habe. Daher, sagen sie, könne Gott so eine Beziehung auch nicht segnen. Diese Haltung ist nicht besonders verbreitet und klar minoritär, aber es gibt sie. In der reformierten Landeskirche sind die theologischen Positionen vielfältig, von liberal bis evangelikal. Die unterschiedlichen Haltungen spiegeln sich auch in den Synoden wider, in den Parlamenten der Kantonalkirchen. Die evangelikale Fraktion und evangelikal geprägte Pfarrer sind eher gegen die Segnung von homosexuellen Paaren.

Sie haben sich kürzlich mit einem «Wort zum Sonntag» exponiert, in dem Sie «Ehe für alle» fordern. Wie waren die Reaktionen?

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Ehe für alle

4:21 min, aus Wort zum Sonntag vom 7.3.2015

Heftig. Ich bekam 120 Mails, davon waren nur 10 negativ. Das hat mich gefreut, weil es zeigt, dass ein gesellschaftlicher Wandel stattgefunden hat. Aber die negativen Reaktionen sind massiv. So im Stil von «Halten Sie sich fern vom ‹Wort zum Sonntag›» über «Sie haben die Bibel falsch verstanden» bis «Sie vermitteln den Leuten den falschen Glauben.»

Haben Sie selber viele Anfragen von gleichgeschlechtlichen Paaren?

Nein. Ich habe erst eine gleichgeschlechtliche Segnung gemacht. An der Hochzeitsmesse am Stand der reformierten Kirche erhielt ich mehrere Anfragen. Doch es macht mehr Sinn, dass solche Paare sich in ihrer Ortskirche segnen lassen. Deshalb habe ich sie an ihren Ortspfarrer vermittelt. Wenn sie niemanden gefunden hätten, hätte ich es sofort übernommen.

Warum ist das Thema Homosexualität in Kirchen so hochexplosiv?

Ich verstehe nicht, warum die Tatsache, dass Menschen eine liebevolle Beziehung pflegen und dafür Gottes Segen suchen, zu derart emotionalen Diskussionen führt. Ich vermute, dass vor allem männliche homosexuelle Paare Anstoss erregen. Lesbische Paare werden weniger angegriffen. Schwule Männer hingegen rufen bei vielen Menschen Bilder hervor, die sie ablehnen.

Bei Homosexualität spielt die Sexualität eine grosse Rolle. Viele lehnen schwule Sexualität ab. Viele homosexuelle Männer sagen mir, dass sie so oft «sexualisiert» würden. Es sei sofort ein Thema, wie sie zusammen Sex hätten, während es von Hetero-Paaren niemanden interessiert, was in deren Bett geschieht. Dass auch zwei Männer gemeinsam durchs Leben gehen können, dass sie die Beziehung ernst nehmen und füreinander da sein wollen, das vergessen diese Kritiker.

Liebe ist für mich Liebe, gehört immer geschützt, egal, ob es sich um ein homosexuelles oder ein heterosexuelles Paar handelt. Wenn die Ablehnung so stark wird, dass sie homophobe Züge annimmt, dann ist das für mich wie Rassismus. Dagegen muss ich mich wehren. Als Christin bin ich dazu verpflichtet, liebevolle Beziehungen zu schützen, die auf Werten wie Treue, Ehrlichkeit und Solidarität basieren.

Aber dieses Argument richtet sich konsequenterweise gegen wechselnde Partnerschaften?

Das ist ein weiteres Vorurteil, mit dem Schwule konfrontiert sind. Die treusten Paare, die ich kenne, sind schwule Paare. Es sind übrigens oft auch die grössten Spiesser, wie auch immer man das werten will. Jedenfalls widersprechen sie jeglichen Klischees. Mein bester Freund ist mit seinem Mann seit 14 Jahren zusammen. Sie führen eine vorbildliche Ehe.

Jetzt online

Sehen Sie hier die «Sternstunde Religion» vom 12. April zum Thema «Streit um Segnung homosexueller Paare».

Sibylle Forrer

Sibylle Forrer

SRF

Die evangelisch-reformierte Pfarrerin wurde 1980 geboren und studierte in Zürich und an der Berliner Humboldt Universität evangelische Theologie. Forrer spricht regelmässig das «Wort zum Sonntag» auf SRF 1.

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