Die Vier-Personen-Beziehung: Taiwan strebt nach der Eherevolution

Taiwan hat den grössten Schwulen- und Lesbenumzug Asiens, nun soll auch die Homo-Ehe legalisiert werden. Die Aktivisten gehen aber noch weiter und fordern die Mehr-Personen-Beziehung. Damit erzürnen sie christlich-konservative Gruppierungen. Diese fürchten um die taiwanische Familie.

Mit wehenden Regenbogenfahnen, bunten Luftballons und Transparenten marschieren sie durch die taiwanische Hauptstadt Taipeh. Über 60‘000 Teilnehmer feierten an einem Samstag Ende Oktober auf Asiens grösster Homo-, Bi- und Transexuellen-Kundgebung.

Die Taiwan-Pride hat aber auch politische Forderungen: Anfang Oktober haben Nichtregierungsorganisationen drei Gesetzesentwürfe dem Parlament übergeben. Geht es nach den Aktivisten, soll Taiwan nicht nur die Homo-Ehe einführen, sondern auch die eingetragene Partnerschaft und die Mehr-Personen-Beziehung.

Nicht jeder will die klassische Ehe

Eine junge Frau hält ein Blatt Papier vor ihrem Oberkörper.

Bildlegende: Chien Chih-chieh mit den Gesetzesentwürfen. Martin Aldrovandi

Dafür stark gemacht hat sich die Taiwan-Allianz für zivile Partnerschaften. Man habe bald gemerkt, dass die Forderung nach der Homo-Ehe zu kurz greife, sagt Chien Chih-chieh, Generalsekretärin der Vereinigung. «Nicht alle Menschen wollen die klassische Ehe.»

Neben der Ehe-Öffnung für Homosexuelle strebt die Allianz deshalb zusätzlich eine eingetragene Partnerschaft an, die auch heterosexuellen Paaren offen steht. Selbst Beziehungen von mehr als zwei Personen sollen rechtlich abgesichert werden, findet Chien Chih-chieh. Dies könnten Liebesbeziehungen, aber auch enge Freundschaften sein.

Die Vier-Personen-Beziehung

Eine solche Beziehung führt der Student und Homosexuellen-Aktivist Yao Yao. Der 29-jährige lebt mit drei weiteren Männern zusammen. Zwei davon sind ein Liebespaar, zwei weitere sind enge Freunde. Seit bald drei Jahren führe man gemeinsam einen Haushalt, so Yao Yao: «Wenn jemand krank ist, sorgen die anderen für ihn, wir halten zusammen wie eine Familie». Sollte der Gesetzesentwurf durchkommen, würde auch Yao Yao gerne eine rechtliche Beziehung eingehen.

Ein junger Mann mit Brille steht vor einer Menschenansammlung, dahinter stehen moderne Hochhäuser.

Bildlegende: Yao Yao lebt in einer Vier-Personen-Beziehung. Martin Aldrovandi

Von den drei Entwürfen wird es die Mehr-Personen-Gemeinschaft wohl besonders schwer haben, glaubt Aktivistin Chien Chih-chieh. Die grösste Chance hat dagegen die Homo-Ehe, in Umfragen spricht sich inzwischen etwas über die Hälfte der Bevölkerung dafür aus.

Gegner setzen auf Familienwerte

Gegen die drei Gesetzesentwürfe wehren sich vor allem christliche Gruppierungen. Chang Chuan-feng leitet die konservative Unification Church in Taiwan, er ist gleichzeitig Vorsitzender der Vereinigung zum Schutz der taiwanischen Familie. «Anstatt die Gesetze zu ändern, müssen wir den Homosexuellen helfen», sagt Chang Chuan-feng. Er ist der Meinung, dass sie mit ihrem Verhalten der gesamten Gesellschaft schadeten.

Statt auf das christliche Konzept der Sünde setzen die Gegner ganz auf die traditionellen Familienwerte. Diese hat im konfuzianisch geprägten Taiwan einen hohen Stellenwert. Innerhalb weniger Wochen sammelte die Vereinigung zum Schutz der taiwanischen Familie bereits 300‘000 Unterschriften.

«Das Land wird aussterben!»


Revolution der Familie in Taiwan

4:15 min, aus Kultur kompakt vom 29.10.2013

Wenn man sich jetzt nicht gegen diese Änderungen wehre, befürchtet Chang Chuan-feng, würden die Familienwerte untergraben. Es würden keine Kinder mehr geboren, das Land letztlich untergehen.

«Die Gegnerschaft versucht, der Bevölkerung Angst einzujagen», klagt Chien Chih-chieh. «Sie sagen, dass sich Ehemänner neben der Gattin noch Mätressen halten würden oder der Grossvater die Enkelin heiraten könne.»

Das stimme natürlich alles nicht, so Chien Chih-chieh. Man wolle lediglich zeigen, dass die Bindung zwischen einem Mann und einer Frau nicht die einzig gültige Beziehungsform sei. Auch Yao Yao kann die Aufregung nicht verstehen. Wenn er mit seinen engen Freunden zusammenlebe, füge er doch niemandem Schaden zu.