Die zwei Gesichter der Hybris

Der Rausch des Erfolgs lässt wenig Raum für Selbstkritik. Martin Winterkorn – bis vor Kurzem Chef über eine halbe Million Mitarbeiter – ist ein neues Beispiel dafür. Wer hoch fliegen will, kann umso tiefer abstürzen. Er kann aber auch den grossen Wurf erzielen.

Mehr als 10 Millionen Fahrzeuge hat Volkswagen im vergangenen Jahr verkauft. Eine historische Marke. Das hatte noch kein Autohersteller der Welt geschafft – und auch VW hatte dieses Ziel erst für 2018 anvisiert.

Die Genugtuung, die Martin Winterkorn bei dieser Bekanntgabe verspürt haben muss, dürfte jetzt nur noch eine blasse Erinnerung sein. Der Bezeichnung CEO ist nun ein «Ex» voranzustellen. Mit manipulierten Anzeigen zu Schadstoff-Ausstössen hat sich der Konzern einen enormen Schaden eingehandelt. Die Strafzahlungen werden auf zweistellige Milliarden-Beträge geschätzt. Vom Image-Dämpfer ganz zu schweigen.

Niemand hinterfragt laut

Gerade der Erfolg, das sich Behaupten im Markt, das Abhängen der Konkurrenz könnte Martin Winterkorn zum Verhängnis geworden sein. «Es führt dazu, dass weniger Rückfragen gestellt werden und der CEO dann häufig selbstbewusster wird und seiner Entscheidungskraft mitunter auch zu sehr vertraut», sagt Wirtschaftspsychologin Anne Herrmann. Sie erforscht an der Fachhochschule Nordwestschweiz das Zusammenspiel von Persönlichkeit und Karriere.

Anne Herrmann im Porträt.

Bildlegende: Laut Psychologin Anne Herrmann hilft Selbstüberschätzung, um ein Unternehmen zu führen – trägt aber Gefahr in sich. SRF

Allein schon um an die Spitze eines solchen Konzerns zu gelangen, müsse die Person eine Reihe von Erfolgserlebnissen gehabt haben. Das kann verblenden. Reitet der gesamte Konzern auf dieser Welle, hinterfragt sich weder der Konzernchef selbst noch übernehmen dies die Mitarbeiter für ihn.

Sie könnten das auch gar nicht, wie Anne Herrmann erklärt: «Man darf nicht vergessen, dass in solchen Unternehmen sehr starke Hierarchien eine Rolle spielen bei den Entscheidungen, die getroffen werden.» Der CEO könne auch Entschlüsse durchdrücken, die nicht alle Beteiligten getragen hätten.

Marcel Ospel, UBS; Philippe Bruggisser, Swissair; Kenneth Lay, Enron – Martin Winterkorn ist nicht der erste Firmenchef, dessen unbedingter Drang nach Grösse weitreichende negative Konsequenzen nach sich gezogen hat. Wer ganz nach oben will, kann von dort umso tiefer fallen.

Für Steve Jobs hat sich Rücksichtslosigkeit ausgezahlt

Dem Grössenwahn wohnt aber auch das Potenzial inne, etwas weit über das Mittelmass hinaus zu schaffen. Steve Jobs ist Sinnbild dafür. Dem vor vier Jahren verstorbenen Mitgründer von Apple schien Zeit seines Lebens egal gewesen zu sein, was andere von ihm halten. Als stur, übertrieben kritisch, gar tyrannisch beschrieben ihn Wegbegleiter. Mit Konkurrenten sprach er Klartext: «Ich werde euch vernichten», lauteten etwa die Worte an die Android-Entwickler von Google, von denen er sich kopiert fühlte.

«Steve Jobs wäre niemals so weit gekommen mit Apple, wenn er nicht genau so gewesen wäre, wie er war», sagt Anne Herrmann, «nämlich extrem von seiner Idee überzeugt; auch gegen besseres Wissen und gegen Argumente anderer. Genau die Eigenschaft, die ihn schwierig gemacht hat, hat ihn auch extrem erfolgreich gemacht.»

Heute ist Apple das wertvollste Unternehmen der Welt.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Psychologie der Manager

    Aus ECO vom 5.10.2015

    Der geschasste VW-Chef Martin Winterkorn wollte sein Unternehmen unbedingt zur Nummer 1 der Welt machen. Nun ist er abgestürzt. Vor ihm scheiterten schon andere Manager mit dem unbedingten Drang nach Grösse, etwa Marcel Ospel bei der UBS und Philippe Bruggisser bei der Swissair. Andererseits ist es genau dieser Drang, der immer wieder äusserst erfolgreiche Firmen hervorbringt.

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