Addio, Monte Ceneri? Dieser Tunnel schlägt eine Brücke

Der Tessiner Symbolberg Monte Ceneri trennt Geschichte und Mentalitäten im Sopra- und Sottoceneri. Das wird sich bald ändern.

Bauarbeiter mit Helm schwenken eine Schweizer Flagge in einem Tunnel.

Bildlegende: Wenn der Tunnel 2020 eröffnet wird, wird die Fahrt von Lugano nach Bellinzona nur noch zwölf Minuten dauern. Keystone

Der Monte Ceneri ist der einzige Verkehrsübergang zwischen dem Sopra- und Sottoceneri. Kein Bahnpassagier und keine Autofahrerin macht sich wohl Gedanken darüber, wie berüchtigt diese Strecke einst gewesen ist.

Die Wegelagerer vom Ceneri sind seit dem 15. Jahrhundert aktenkundig. Reisende wurden ausgeplündert und erschlagen. Am Ceneri wurden Köpfe und Hände von Banditen auf Pfählen aufgespiesst.

Die Räuber hat das nicht abgeschreckt, die Reisenden aber reagierten angeekelt und erschreckt. Davon zeugt bis heute der unfreundliche Ortsname Robasacco am Ceneri. Robasacco – wie «rubare» und «sacco», wie «stehlen» und «Sack».

Tessin kratzt Geld zusammen

1882 wurde die Gotthardbahn eröffnet. Doch lange war unsicher, ob die Bahn über den Ceneri überhaupt gebaut werden könne. Wegen der Finanzkrise der Gotthardbahn hatte der Bundesrat die Streichung des Ceneriprojekts beschlossen – der Bau der Bahnlinie entlang des Lago Maggiore nach Luino kostete weniger.

Ein Strassenschild, auf dem «Monte Ceneri» steht.

Bildlegende: Ein Tunnel, Tankstellen und Shops, heruntergekommene Rotlichtbetriebe. So sehen flüchtige Reisende den Monte Ceneri. Alexander Grass

Die Entrüstung war gross. Das bitterarme Tessin legte eine Million Franken auf den Tisch. Italien und Bundesbern steuerten nochmals fünf Millionen bei. So wurde der Ceneri gerettet. Manche wünschen sich die Weitsicht von damals zurück.

Radio schafft Identität

Auf einer Wiese am Monte Ceneri wurde 1900 die Tessiner SP gegründet. Freiwillige haben dieses linke Grütli zu dem gemacht, was es heute ist: ein Grotto, ein Treffpunkt und ein geschichtsträchtiger Ort.

1933 ging der Mittelwellensender Radio Monte Ceneri auf Sendung. Vom Gotthard bis nach Chiasso waren dieselbe Stimme von Radio Monte Ceneri und dasselbe Schulradio zu hören. Das Radio schuf so etwas wie eine Tessiner Identität.

Das Radio bewirkte eine kulturelle und politische Revolution. Radio Monte Ceneri brachte eine unabhängige Stimme ins Haus, dies in einer Medienlandschaft, die bis dahin von Parteizeitungen geprägt gewesen war.

Entstehen und scheitern am Ceneri

In den Wäldern und auf den Alpen des Ceneri liegen Militärfestungen versteckt. Erst in letzter Zeit werden sie als Denkmäler betrachtet, die Interesse und Pflege verdienen. Zugleich sind am Ceneri Sondereinsatzkräfte, Berufssoldaten und Grenadiere der Schweizer Armee zuhause. Viele von ihnen bleiben ein Leben lang mit dem Monte Ceneri verbunden.

Nach Jahrzehnten der Spaltung hat der Staatsmann und Tessiner Staatsrat Stefano Franscini am Ceneri eine neue Tessiner Hauptstadt Concordia bauen wollen. Ein Kantonsspital sollte hier entstehen, das Stadion des FC Ticino, die Universität, eine Abfallverbrennungsanstalt. Solche Utopien entstanden und scheiterten am Ceneri.

Die arme Verwandschaft im Sopraceneri

Der Ceneri war oft Gegenstand ernsthafter Debatten. Kulturen, Zivilisationen, Wirtschaftsformen diesseits und jenseits des Ceneri seien verschieden, erklärte der Historiker Raffaello Ceschi 2006 im Radio der italienischsprachigen Schweiz.

Bauarbeiter in einem Tunnel: Sie schwenken verschiedene Flaggen.

Bildlegende: Mit der Eröffnung des Basistunnels endet eine Ära: Das Tessin wird nicht mehr vom Monte Ceneri gespalten. Alexander Grass

Im Sottoceneri sei das Wachstum von Wirtschaft und Bevölkerung stärker gewesen, das Sopraceneri sei immer weiter zurückgeblieben. Im Sottoceneri wuchs der Argwohn, weil Steuergeld aus Lugano oder Mendrisio zur armen Verwandtschaft im Sopraceneri floss.

Ochsenkarre, Kutsche, Bahn

Am Monte Ceneri zeigt sich mustergültig, wie Verkehrswege Kulturen und Wirtschaftsformen ändern. Luganos Stadtpräsident Marco Borradori sagt: «Der Kanton Tessin ist gegründet worden im Jahr 1803. Das stimmt ja auch. Aber wirklich entstanden ist er mit dem Bau der Bahn am Gotthard und am Ceneri.»

1835 waren auf der 31 km langen Ceneri-Strecke von Bellinzona nach Lugano Ochsenkarren unterwegs; fünf Stunden und 20 Minuten dauerte die Fahrt. 1882 brauchten schnelle Kutschen vier Stunden, die Gotthardbahn verkürzte die Fahrzeit auf eineinviertel Stunden.

Heute dauert die Fahrt mit Bahn oder Auto etwa 30 Minuten. Aber wenn der Ceneri-Basistunnel 2020 eröffnet sein wird, sind es per Bahn nur noch zwölf Minuten.

Der Ceneri verliert seine Bedeutung

Bellinzona rückt so auf U-Bahn-Distanz an Lugano heran. Die Städte werden zur «Città Ticino» zusammenwachsen. Historiker Orazio Martinetti sagt: «Der Ceneri, der jahrhundertelang Mentalitäten und Menschen im Tessin getrennt hat, dieser Ceneri wird bedeutungslos. Der Ceneri wird verschwinden. Unsere Kinder werden diese Unterschiede zwischen Sotto- und Sopraceneri nicht mehr kennen.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 31.07.2017, 09:00 Uhr.

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