Zum Inhalt springen
Inhalt

Dokfilm «Taste of Cement» Sie bauen Wolkenkratzer, während ihre Häuser zerstört werden

Syrische Bauarbeiter bauen in Beirut Wolkenkratzer, während in ihrer Heimat ihre eigenen Häuser in Schutt und Asche liegen.

Mehrere Bilder blenden in einander: Ein Mann auf einer Liege, ein Haus und eine zerstörte Stadt mit Rauchwolken.
Legende: Die Menschen in «Taste of Cement» sind gefangen zwischen zwei Kriegen. Basis Berlin

SRF: Ziad Kalthoum, woher kam die Idee zum Film «Taste of Cement»?

Ziad Kalthoum: Als der Krieg in Syrien begann, bin ich nach Beirut geflüchtet. Dort wachte ich jeden Morgen vom Lärm der Baustellen auf. Irgendwann wurde mir klar, dass vor 25 Jahren hier vor allem Kriegslärm herrschte.

Dieser Kontrast zwischen dem Sound von Baustellen und dem des Krieges hat mich fasziniert, ich wollte dem nachgehen. Man muss wissen, dass im Libanon schon seit 30 Jahren syrische Bauarbeiter arbeiten.

Die Bauarbeiter, die ich getroffen habe, sind die zweite Generation – sie sind vom Krieg in Syrien geflüchtet. Und jetzt bauen sie Hochhäuser in Beirut, während ihre eigenen Häuser in Syrien zerstört werden.

Für mich sind sie moderne Sklaven. Sie dürfen die Baustelle nach Feierabend nicht verlassen.
Legende: Video Ausschnitt «Taste of Cement» abspielen. Laufzeit 01:56 Minuten.
Aus Kultur vom 31.05.2017.

Sie drehen einen Film in Beirut, während in Ihrem Heimatland Krieg herrscht. Wollten sie den Krieg ausklammern?

Ich bin kein grosser Fan davon, eins zu eins Filme über den Krieg zu machen und mich an Erklärungen zu versuchen. Wenn Sie auf Youtube gehen, finden Sie Millionen von Bildern, wie täglich Menschen in Syrien sterben. Wie die Syrer unter diesen Bombardierungen leben.

Ich will andere Bilder vom Krieg zeigen. Nach sechs Jahren Krieg kennt jeder all die schrecklichen Bilder, und doch tut keiner etwas für uns. Mein Job war es, eine andere Geschichte zu erzählen.

Für mich war es wichtiger, den Akt des Aufbauens zu zeigen als den Akt des Zerstörens oder gar des Tötens. Etwas aufzubauen, das bedeutet Hoffnung für mich.

Diese Arbeiter müssen zuschauen, wie ihre Häuser in Syrien zerstört werden, während sie jeden Tag frischen Zement verbauen.

Ihr Film hat mich eher hoffnungslos zurückgelassen.

Ja klar. Die Menschen, die ich vorstelle, sind gefangen zwischen zwei Kriegen. Zwischen dem vergangenen Bürgerkrieg im Libanon und dem Krieg in Syrien heute. Zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Sie sind wie Hamster im Rad.

Für mich sind sie moderne Sklaven. Sie dürfen die Baustelle nach Feierabend nicht verlassen. Zweimal die Woche kommt ein Bus, der Ihnen Lebensmittel bringt.

Warum sprechen die Arbeiter nicht in ihrem Film?

Weil sie Angst haben. Sie hatten Angst vor mir, denn heutzutage wird alles Material genutzt, um Propaganda zu machen. Sie haben Angst vor dem Regime in Syrien, vor dem IS, vor allem. Und natürlich haben sie auch Angst vor dem Besitzer der Baustelle. Deshalb reden sie nicht darüber, unter welchen katastrophalen Bedingungen sie dort leben.

Sie tun genau fünf Dinge: aufwachen, essen, arbeiten, Fernsehen schauen, schlafen. Jeden Tag. Stellen Sie sich das vor! Ich wollte diese Situation ehrlich abbilden.

Haben die Arbeiter denn die Angst vor Ihnen irgendwann abgelegt?

Um ehrlich zu sein, war es sehr hart, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Ich habe monatelang auf eine Drehgenehmigung gewartet und dann habe ich endlich eine bekommen, aber nur für eine Woche. Es ist sehr schwer, in dieser kurzen Zeit Vertrauen aufzubauen.

Legende: Video Moderne Sklaverei – Syrische Arbeiter im Libanon abspielen. Laufzeit 04:36 Minuten.
Aus Kulturplatz vom 31.05.2017.

Sie haben mit sehr langen, ruhigen Einstellungen gearbeitet. Ihre Bilder sind faszinierend schön.

Sie müssen sich diese Kulisse vorstellen, vor der die Arbeiter jeden Tag stehen. Dieses Beirut, das immer weiter wächst. Der Ozean, die freie Sicht. All das ist schön. Die Arbeiter sehen das aber nur von der Baustelle aus, sie dürfen nicht in die Stadt.

Nach ein, zwei Wochen wird dieses Panorama zur Wandtapete. Eine wunderschöne Wandtapete. Das wollte ich abbilden. Was für ein Kontrast zwischen dem Leben im Libanon und der traurigen Geschichte der syrischen Bauarbeiter, die in diesem Loch unter der Erde hausen müssen.

Und die vor einem brutalen Bürgerkrieg geflohen sind...

Ja, schauen Sie sich die Videos im Netz an. Diese Arbeiter müssen zuschauen, wie ihre Häuser in Syrien zerstört werden, während sie jeden Tag frischen Zement verbauen. Wenn Sie sich Bilder aus Syrien anschauen und die Menschen sehen, die verschüttet unter ihren Häusern liegen, bedeckt mit einer weissen Schicht: In Syrien weiss jeder, wie Zement schmeckt.

Das Gespräch führte Julia Bendlin.

Sendung: SRF 1, Kulturplatz, 31.5.17, 22:25 Uhr

Zur Person

Ziad Kalthoum ist 1981 in Homs geboren. Er studierte Film in Wolgograd. Als der Krieg in Syrien ausbrach, floh er nach Beirut – und später weiter nach Berlin, wo er seit zwei Jahren als anerkannter Flüchtling lebt. Alles Städte, die von Kriegen zerstört und danach wieder aufgebaut wurden.

Der Film

Ziad Kalthoums Film «Taste of Cement» hatte Premiere beim diesjährigen Dokumentarfilmfestival «Visions du Réel» in Nyon und gewann dort im Internationalen Wettbewerb.

1 Kommentar

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Cherubina Müller (Fabrikarbeiterin)
    Ist halt schon blöd wenn man in einem wirtschaftlich recht gut gestellten säkularen Staat einen bewaffneten radikal-islamistischen Aufstand mit einem Anteil von 46% ausländischen Kämpfern unterstützt und dann merkt, dass der Rückhalt der syrischen Bevölkerung gemäss einer NATO-Studie 2013 keine 10% ausmacht. In Syrien kämpfen viele Frauen an der Frontlinie für ihre Familien während junge religiöse Fanatiker nach ihrer Saat von Hass und Gewalt sich ihrer Verantwortung mit einer Flucht entziehen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten